Land Art: Wenn aus Künstlern Baggerführer werden

Neuschöpfung der Schöpfung: Land Art-Künstler schafften irgendwo in den Weiten der Landschaft Kunst und sprengten damit in den sechziger und siebziger Jahren die Mauern der etablierten Kunstwelt.

Eine unbekleidete Frau sitzt, den Körper grün eingefärbt, auf dem Wüstenboden inmitten einer orangefarbenen Qualmwolke. Im linken Bildrand brennt ein kleines Feuer. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: «Immolation IV from the Women and Smoke Series»: Land Art Performance von Judy Chicago in der kalifornischen Wüste. Judy Chicago, 1971.

Irgendwann in den späten 1950er Jahren begann sie, die grosse Explosion der zeitgenössischen Kunst. Schon zuvor hatten die Avantgardebewegungen vom Impressionismus über den Surrealismus bis zum Abstract Expressionismus in immer rascherer Folge um Aufmerksamkeit gebuhlt. In den 50ern steigerte sich diese Dynamik noch. Neben der Pop- und Minimal Art entstanden plötzlich Fluxus, Arte Povera – und Land Art.

Am Ufer eines Salzsees wachsen Salzfiguren in Menschengrösse empor. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: «Mono Lake» in Kalifornien: Land Art von Nancy Holts und Robert Smithsons (1968-2004). VG Bild-Kunst, Bonn 2012.

Ab in die Wüste

Die Land Art sorgte für besonders viel Aufsehen. Kein Wunder, denn die damals erst auf Papier realisierten Verpackungsorgien von Christo und Jeanne Claude gehören ebenso dazu wie die Spiral Jetty, eine riesige Aufschüttung von Robert Smithson im grossen Salzsee von Utah. Auch nicht zu verachten  war «Double negative» von Michael Heizer, ein durch die Wüste von Nevada geführter Einschnitt. Später kam das «Lightning Field» von Walter de Maria hinzu: ein Metallstelenfeld in der Wüste von New Mexiko, das Blitze anziehen soll.

Selbst in Kunstkreisen kennt man diese Werke häufig nur von Abbildungen. Und genau das ist paradoxerweise ziemlich typisch für die Land Art: Sie fand irgendwo draussen in den Weiten der Landschaft an möglichst entlegenen Orten statt. Denn die Land Art-Künstler drehten nicht nur den etablierten künstlerischen Medien wie Malerei und Skulptur eine Nase; sie wollten mit ihren Werken auch weg von den geläufigen Kunst-Drehscheiben wie Museum und Galerieraum.

Kiosk statt Museum

Stattdessen setzten die Künstler auf die Massenmedien. Die fanden in den spektakulären Aktionen, zu denen auch mal eine Schrottsammlung von Jean Tinguely und Niki de Saint Phalle gehören konnte, attraktive Stoffe. Lokale Fernsehsender filmten sie amüsiert, Illustrierte mit Millionenauflagen füllten damit ihre Seiten.

Durch das Wasser eines brau-rot schimmernden Sees zieht eine Salzspur einen mehrfach gewickelten Kringel. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Land Art im grossen Salzsee von Utah: «Spiral Jetty» von Robert Smithson. Keystone

Und so erreichte die Land Art ihr Ziel, die Mauern des Museums zu sprengen, auf besonders elegante Weise: Sie liess andere, nämlich Journalisten, für sie arbeiten. So musste man nicht mehr ins Museum gehen, um etwas von der zeitgenössischen Kunst mitzubekommen. Man brauchte nur die Zeitung aufzuschlagen.

Kriegsfolgen und Ökologie

Und damit sind wir bei einer Kernaussage der aktuellen Ausstellung «Ends of the Earth – Land Art to 1974» im Münchner Haus der Kunst, die Philipp Kaiser am Museum of Contemporary Art von Los Angeles zusammen mit der Kunsthistorikerin Miwon Kwon konzipiert hat. Zugespitzt lautet sie: Land Art war eine frühe Form der Bewirtschaftung von Aufmerksamkeit im Kunstbetrieb.

Die Frage, ob man denn die «Earth Works», wie die Land Art in den USA auch heisst, im Museum ausstellen könne, erübrigt sich damit fast. Man kann – wenn man beispielsweise ihre Kommunikationsstrategien in den Vordergrund stellt, Projektskizzen oder auch fotografische Dokumente zeigt.

Doch das Kuratorenteam verfolgt noch ein anderes Anliegen: Es löst die Land Art aus dem amerikanischen Kontext und zeigt, dass diese Kunstform damals gleichzeitig in mehreren Ländern entstand. War sie in den USA vor allem eine Form der Auseinandersetzung mit der Landnahme und der Industrialisierung, parallel zur beginnenden Ökobewegung, war sie gerade in Japan oder Israel auch eine Form der Auseinandersetzung mit dem Spuren des Krieges.

Die  Münchner Schau hebelt die geläufigen Klischees zur Land Art gründlich aus. Dank sorgfältiger Recherche hebt sie sich von der Masse der rasch zusammen geschusterten Ausstellungen ab, die im heissgelaufenen Ausstellungsbetrieb der Gegenwart dominieren.

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