New Yorks Graffiti-Kunst droht der Baggerzahn

Das Gebäude 5 Pointz in New York ist ein globales Graffiti-Mekka. Nun will es der Besitzer abreissen. New York, die Geburtsstätte der Hip-Hop-Kultur, droht damit sein Herz zu verlieren. Die Initianten sind fest entschlossen, bis zum bitteren Ende zu kämpfen.

«5 Pointz ist die einzig wahre Stätte der Hip-Hop-Kultur», schreit Senica Da Misfit ins Mikrofon. Die gut 150 Menschen im Publikum bestärken ihn mit Applaus und Zurufen. Er ist einer von mehreren Rappern, sogenannten MCs, die vor 5 Pointz ihre Lyrics zum Besten geben. Unterstützt wird Da Misfit von den Beats eines DJs. Die MCs und DJs performen im Innenhof des 5 Pointz, einem fast 20'000 Quadratmeter grossen Fabrikgebäude aus dem 19. Jahrhundert.

Graffitis auf den Mauern von 5 Pointz Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Immer neue Kunstwerke machen 5 Pointz zu einem Mekka für Graffiti-Künstler. Philipp Bürkler

Künstler aus der ganzen Welt

5 Pointz ist aber vor allem Graffiti-Kunst. Die Fassaden sind von unten bis oben voll mit gesprayten Kunstwerken.

An diese Wände zu sprayen ist der Traum vieler Künstler, alle wollen sich hier verewigen. Werke der beiden New Yorker Tracy 168 und Cope2, die beim Auktionshaus Christies und an der Art Basel gehandelt werden, zieren ebenso die gelben Fassaden wie solche von Künstlern aus dem Rest der Welt.

Auch aus der Schweiz. Unter anderen haben hier der Berner Pascal Flühmann alias KKADE oder Onur und Wes21, die Teil des Künstler-Kollektivs «Fressen und Gefressen werden» sind, ihre farbigen Spuren aus der Dose hinterlassen.

Baldiger Abriss

Ende Jahr sollen die unzähligen Werke endgültig gefressen werden, und zwar von den Zähnen erbarmungsloser Bagger. Diese will der Besitzer des Areals, Investor Jerry Wolkoff, auffahren lassen. Wolkoff besitzt dieses seit 40 Jahren und sieht nun offenbar den Zeitpunkt gekommen, mit dem Grundstück Geld zu verdienen.

Wolkoff möchte zwei grosse Wohnhochhäuser bauen, Luxuswohnungen mit einem Swimmingpool auf dem Dach, einem eigenen Park für die Bewohner und einem fantastischen Blick auf die Skyline von Manhattan. Überall in New York steigen die Grundstückspreise in die Höhe, auch im New Yorker Stadtteil Queens, in dem 5 Pointz beheimatet ist. Aus Sicht des Bauherrens sind Luxuswohnungen ein sicheres Investment.

Baugenehmigung fehlt noch

Da die beiden Gebäude mit ihren 41 und 47 Stockwerken höher werden sollen als im lokalen Zonenplan vorgesehen, ist ein Entscheid des Stadtparlaments nötig. «Das ist reine Formsache, bis Ende Oktober sollte die endgültige Baugenehmigung vorliegen», ist sich Irving Poy, Direktor der örtlichen Planungsbehörde sicher.

Unterschriften gegen den Abriss

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Bildlegende: Jonathan Cohen, der Kurator von 5 Pointz, kämpft gegen den Abbruch. Philipp Bürkler

Jonathan Cohen alias Meres One sieht sein Lebenswerk in Gefahr. Seit 2002 ist der New Yorker Graffiti-Künstler Kurator von 5 Pointz. Er entscheidet, wer wo sprayen darf. «Ich verstehe nicht, weshalb Wolkoff nicht merkt, welch bedeutender Ort hier in den letzten Jahren entstanden ist».

Cohen sammelt nun Unterschriften, um zu erreichen, dass das Gebäude unter Denkmalschutz gestellt wird. Mehr als 11'000 Personen haben bereits unterschrieben. Daneben unterstützen ihn unzählige Künstler aus der lokalen und weltweiten Hip-Hop-Szene. Zum Beispiel Melle Mel, ehemaliges Mitglied der berühmten Rap-Gruppe Grandmaster Flash and the Furious Five legt jeden Samstag beim 5 Pointz Platten auf.

Gebäude ist Privatbesitz

Wahrscheinlich nützen alle Anstrengungen nichts. «Das Gebäude ist in Privatbesitz, es liegt nicht an uns, die Pläne des Investors zu verhindern», sagt Poy als Vertreter der Stadtregierung. Die örtliche Raumplanungskommission hat im August dem Vorhaben einstimmig ihren Segen gegeben. Obwohl sich die Behörden der internationalen Ausstrahlung der New Yorker Hip-Hop-Kultur bewusst sind, kommt der Stadt ein Bauprojekt im dreistelligen Millionenbereich nicht ungelegen.

5 Pointz als wirtschaftlicher Faktor

«Wer möchte hier wohnen?», fragt Cohen rhetorisch und spielt damit auf die potentiellen zukünftigen Bewohner der Apartments an. «Ausser einem lärmigen Zug, der alle fünf Minuten vorbeifährt, gibt es hier nichts, das ist ein richtiger Beton-Dschungel». 5 Pointz sei das Herz dieser Betonlandschaft und mache sie so einzigartig. Ausserdem kämen täglich Touristen aus aller Welt hierher. «Die bringen Geld nach Queens», ist Cohen überzeugt.

Der Tourismus-Direktor des Stadtbezirks Queens, Rob McKay, ist sich der Bedeutung von 5 Pointz bewusst. 5 Pointz bringe zwar nicht wahnsinnig viele, aber doch eine beachtliche Zahl Touristen nach Queens, sagt McKay. «Dennoch hat 5 Pointz einen positiven Effekt auf die lokale Wirtschaft». Verschwinde 5 Pointz, verliere Queens einen weltweit einzigartigen Ort. «Das ist schade». Machen kann auch er nichts. Auch McKay verweist auf die Tatsache, dass sich das Grundstück in Privatbesitz befindet.

Kampf bis zum Ende

Das letzte Graffiti ist noch nicht an die Wand gemalt. Jonathan Cohen ist nach wie vor voller Hoffnung, das globale Hip-Hop-Zentrum zu retten. Ende September und Oktober gibt es weitere Aussprachen mit dem Besitzer und den Stadtbehörden. Bringen werden diese Gespräche wahrscheinlich nicht viel. Falls es tatsächlich zum Abriss komme, sei er der Letzte, der vom Platz gehe, sagt Cohen. Er ist zu allem entschlossen. «Falls nötig, kette ich mich ans Gebäude.»