Chagall im Kunstmuseum Basel Nüchterne Linien statt weltfremder Kitsch

Marc Chagall kam aus der weissrussischen Provinz nach Paris, wo seine Karriere begann. Das Kunstmuseum Basel zeigt in der Ausstellung «Chagall – Die Jahre des Durchbruchs 1911–1919» das wenig bekannte Frühwerk des Künstlers.

Die Basler Ausstellung. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Basler Ausstellung zeigt Chagalls frühe Bilder. Sie entstanden vor allem in Paris. Julian Salinas

Vor ziemlich genau einem Jahr trat Josef Helfenstein die Stelle als Direktor des Kunstmuseums in Basel an. Schon vor seinem Umzug nach Basel war ihm klar: Seine erste Ausstellung, die er hier kuratiert, wird er Marc Chagall widmen.

«Wir haben einen fantastischen Chagall-Bestand im Kunstmuseum Basel», erklärt er. «Es wäre geradezu eine Dummheit gewesen, keine Chagall-Schau zu machen.»

Bloss keinen Kitsch

Doch eine Chagall-Ausstellung berge stets das Risiko, kitschig zu sein. Dessen war sich Josef Helfenstein bewusst, als er die aktuelle Schau plante: «Wir wollten Chagall nicht als romantischen, weltfremden, quasi in der Luft schwebenden Träumer zeigen.»

Deshalb hat sich der Museumsdirektor auf das Frühwerk des Künstlers konzentriert: auf die Jahre von 1911 bis 1919. Für Chagall war das eine Schaffensphase zwischen Paris und seiner Heimat Witebsk im Norden des heutigen Weissrusslands.

Bilder aus den ersten Jahren in Paris (1911/12)

Von der Provinz in die Metropole

In Witebsk kommt Marc Chagall 1887 als Moishe Zakharovich Shagalov auf die Welt. Er ist das älteste von neun Kindern einer armen jüdisch-orthodoxen Familie. Kaum 20 Jahre alt, geht er nach St. Petersburg, um Künstler zu werden.

Dank eines Stipendiums zieht er einige Jahre später nach Paris, wo viele seiner in Basel ausgestellten Werke entstehen.

«Fast ein Märchen»

Wie zum Beispiel «Der Viehhändler»: Das Ölgemälde aus dem Jahre 1912 zeigt eine Szene, wie sie sich in der russischen Provinz wohl ständig abgespielt hat. Ein Viehhändler zieht mit seinen Tieren vorbei.

Für Josef Helfenstein ein Meisterwerk: «Einerseits sieht man das Moderne und Kubistische an diesem Bild. Andererseits erkennt man deutlich: Es geht hier nicht um abstrakte Kunst, sondern um den Vorgang des Erzählens. Es ist fast wie ein Märchen. Der Betrachter wird eingeladen, sich selbst vorzustellen, welche Geschichte sich hier abspielt.»

«Der Viehhändler» (1912). Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: «Der Viehhändler» (1912). Kunstmuseum Basel/ Martin P. Bühler

Armut und Kunstwelt

In der Zeit, als Marc Chagall in Paris lebt, dokumentiert er in seinen Gemälden häufig das Leben seiner Heimat. «Die Armut, die Katastrophen der Zeit und die Geschichte der jüdischen Kultur, die zu Grunde geht», zählt Helfenstein auf.

Zugleich sei er im Gespräch mit den grössten Künstlern seiner Zeit gewesen – etwa mit Pablo Picasso oder Robert Delaunay, die den jungen Chagall inspirieren. Daraus entwickelt er später seine eigene Handschrift als Künstler.

1914: Bilder aus dem letzten Jahr in Paris

Aber in dieser ersten Phase ist Chagalls Stil noch nicht gefestigt. Das zeigen die Bilder, die nach seinem ersten Paris-Aufenthalt in seiner Heimat Witebsk entstehen. Chagall ist bloss zu Besuch in der Heimat, als der erste Weltkrieg ausbricht. Er muss in Russland bleiben.

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Die Ausstellung

«Chagall – Die Jahre des Durchbruchs, 1911-1919» ist bis 21.1.18 im Kunstmuseum Basel zu sehen. Mehr Infos gibt es hier.

Abschied, Krieg und Tod

Er malt, trotz des Krieges, weiter. Doch er wendet nun einen anderen Malstil an: «Chagall ist gefangen in dieser Provinz, die ihm fremd geworden ist.», erklärt Josef Helfenstein. «Er zeichnet also, was er dort sieht: Die Kriegsverwundeten. Paare, die sich trennen müssen. Frauen, die weinen, weil ihre Männer in den Krieg ziehen.»

Die Bilder sind realistischer, aufs Wesentliche reduziert: Mit wenigen Tuschestrichen nur erzählt Chagall von Abschied, Trauer und Tod.

Die Ausstellung in Basel zeigt mit solchen Bildern einen wenig bekannten Marc Chagall – einen leisen, einfachen, klaren. Mit Kitsch jedenfalls haben diese Bilder nichts zu tun.