Wenn das Label «syrischer Künstler» zur Last wird

Viele syrische Künstler, die flüchten mussten, leben heute in Istanbul. Statt als Flüchtlinge, die Kunst machen, wollen sie als Künstler anerkannt werden. Viele unter ihnen kämpfen – manche mit der neu erlangten Freiheit, andere ums blosse Überleben.

Ein Gemälde von Mohammed Zaza. Es zeigt eine Frau mit einem «Schalenkopf». Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: «Sie waren wie Diktatoren der Kunst», sagt Mohammad Zaza über seine Lehrer in Syrien. (Bild: «The Shell» von M. Zaza) Mohammed Zaza

Abstrakt. Bunt. Surrealistisch? Es fällt schwer, das Werk des syrischen Künstlers Mohammad Zaza zu beschreiben. Nur eins lässt sich schon auf den ersten Blick sagen: Um den Krieg in Syrien geht es hier nicht. «Ich bin kein politischer Mensch», sagt der junge Künstler und lächelt schüchtern.

Mohammed Zaza am Zeichnen in seinem Atelier. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Er will keine politische Kunst zu Papier bringen: Mohammad Zaza in seinem Atelier. Luise Sammann

Reduziert auf die Herkunft

Dass es Mohammed Zazas Bilder trotzdem in eine der renommierten Galerien Istanbuls geschafft haben, sei fast schon ein Wunder, so sein Kollege Adnan Jetto, der zur Ausstellungseröffnung gekommen ist. «Die Welt reduziert uns seit Jahren nur noch auf unsere syrische Herkunft», so der Videokünstler aus dem nordsyrischen Qamisli. «Wenn einer von uns erwähnt wird, dann nicht wegen seines Werks, sondern allein, weil er Syrer und Flüchtling ist.»

Beschwerden wie diese hört man häufig unter den syrischen Kulturschaffenden am Bosporus. Das Label «syrischer Künstler» sei regelrecht zur Last geworden, meint auch der türkische Dokumentarfilmer Bilal Aliriza, der in den letzten Jahren mehrere von ihnen mit der Kamera begleitet hat.

Künstler statt Kämpfer

«Am Anfang waren sie selbst Teil dieser grossen Aufregung. Jeder Syrer hatte plötzlich eine Botschaft, alles drehte sich um Krieg und Revolution, so wie es von ihnen erwartet wurde», so Aliriza. «Aber mit der Zeit merkten die meisten: Wir wollen gar nicht immer kämpfen, sobald wir den Pinsel heben oder die Bühne betreten. Und seitdem befinden sich viele in einer Art Selbstfindungsprozess.»

Ein Prozess, der schwierig aber zugleich dringend nötig ist, so Maler Mohammad Zaza. Denn das System Assad, unter dem er und die anderen geflohenen Kulturschaffenden gross wurden, sorgte dafür, dass die syrische Kunst sich nie frei entfalten konnte. «Sogar die Professoren an unseren Kunsthochschulen waren Teil des Geheimdienstes», so der 28-Jährige. «Sie waren wie Diktatoren der Kunst, die uns vorschrieben, wie wir zu malen hatten.»

Viele seiner Kollegen seien seit ihrer Flucht verwirrt, so Zaza. Sie wüssten nicht, was sie mit der neu gewonnen Freiheit anfangen sollten. Doch die Suche nach neuen Themen und Wegen, zu der sie im Exil gezwungen würden, sei auch fruchtbar. «Ich kann regelrecht sehen, wie viele junge Künstler sich jetzt erst richtig entwickeln.»

Bilal Aliriza und Nour Shammout stehen auf einer Istanbuler Strasse. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: «Wir wollen gar nicht immer kämpfen»: Dokumentarfilmer Bilal Aliriza und Komponist Nour Shammout Luise Sammann

Schwieriger Neuanfang in Istanbul

Nicht wenige aber scheitern auch. Gerade in der Türkei – einem Land, in dem selbst einheimische Künstlern nur selten von ihrer Arbeit leben können – ist der Neuanfang für die Syrer schwer. «Ich kenne viele Künstler hier, die einfach irgendetwas arbeiten. Designer, die sich plötzlich als Innenarchitekten versuchen oder auch ganz banale Jobs annehmen, einfach nur um zu überleben», so Nour Shammout, ein Musiker und Komponist, der vor zwei Jahren an den Bosporus kam.

Istanbul, mit seiner Mischung aus östlichen und westlichen Einflüssen, schien Nour einst wie der perfekte Ort für einen Neuanfang. Inzwischen gehört er zu denen, die die 15-Millionen-Metropole so schnell wie möglich wieder verlassen wollen. Auch und vor allem, weil zwischen der türkischen und der syrischen Künstlercommunity kaum Kontakt bestehe. Die Türken seien verschlossen und wenig offen, so die Syrer. Die Syrer wollten sich nicht integrieren und nicht einmal Türkisch lernen, so die Türken. Fazit: Gemeinsame Projekte gibt es kaum.

Hoffen auf Amsterdam

Und so träumt auch Maler Mohammad Zaza aus Hama, dessen Bilder es immerhin an die Wände der renommierten Galerie Depo geschafft haben, inzwischen von einer besseren Zukunft in Europa. Bis zum Herbst will er sein Atelier nach Amsterdam verlegen – hoffend, dass er dort nicht nur der Syrer, sondern vor allem der Künstler Mohammed Zaza sein darf.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 11.05.2016, 07:20 Uhr.