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Weltkunst in der Provinz Willkommen in Guggenheim: Der Bilbao-Effekt bleibt einzigartig

Vom Industriemoloch zur Kunstmetropole: Frank Gehrys Guggenheim-Museum hat Bilbao auf den Kopf gestellt. Andere Städte versuchten den Bilbao-Effekt zu kopieren – doch er bleibt unerreicht.

Guggenheim-Museum bei Nacht
Legende: Ein Leuchtturm, der in die ganze Welt strahlt: das Guggenheim-Museum in Bilbao. SRF / Julian Salinas

Das Wichtigste in Kürze:

  • Das Guggenheim-Museum ist das prominente Symbol für den Aufstieg Bilbaos: Seit der Eröffnung vor 20 Jahren erlebt die Stadt einen beispiellosen Boom.
  • Andere Städte wie Santiago de Compostela oder Avilés versuchten den Bilbao-Effekt zu kopieren – mit enttäuschender Bilanz.
  • Der Bilbao-Effekt blieb einzigartig, weil verschiedene Faktoren zusammenspielten: ein Weltklasse-Museum, ein sorgfältig geplanter Strukturwandel der Stadt und eine ansteckende Aufbruchstimmung in der Bevölkerung.

Lesedauer: 12 Minuten

Das Guggenheim-Museum überstrahlt in Bilbao alles – und rückt die Stadt ins richtige Licht: Tagsüber reflektiert der mit silbernen Titanplatten überzogene Bau die Sonnenstrahlen. Nachts leuchtet er majestätisch über dem Ufer des Nervión.

Die Silhouette des geschwungenen Baus von Architekt Frank O. Gehry prangt auf T-Shirts, Kaffeetassen, Kugelschreibern. Sie ziert Schaufenster und offizielles Briefpapier.

Das Museum hat die Stadt in den letzten 20 Jahren so sehr geprägt, dass man beides für deckungsgleich halten könnte. Bilbao ist das Guggenheim. Das Guggenheim ist Bilbao. Willkommen also in Guggenheim!

«Operation Guggenheim»

«Dass wir das Guggenheim bekommen haben, halte ich immer noch für ein Wunder», erzählt Ibon Areso. Der 73-Jährige war zunächst als Stadtarchitekt und später als Bürgermeister massgeblich für die «Operation Guggenheim» verantwortlich.

Er hatte von der Suche der Solomon Guggenheim Foundation nach einem europäischen Standort gehört. Und von den gescheiterten Verhandlungen mit Salzburg und Venedig. Dort hatten die Stadtverwaltungen zu lange gezögert, sich eines so aufwändigen Projektes anzunehmen.

Die hässliche Braut

1991 flog Areso mit vier Kollegen nach New York, um die Kunstmäzene von den Vorzügen Bilbaos zu überzeugen. Von den Vorzügen einer heruntergekommenen, grauen Industriestadt mit einer Arbeitslosigkeit von 29 Prozent.

Aus Aresos Augen blitzt der Schalk. «Wir waren die hässliche Braut, die Ja sagt, wenn die anderen abspringen. Aber unser Plan für einen grundlegenden Wandel hat die Stiftung überzeugt.»

Porträt Ibron Areso
Legende: Der Erfolg des Guggenheim-Museums hat selbst ihn überrascht: der ehemalige Stadtarchitekt Ibon Areso. SRF / Julian Salinas

Der Phoenix aus der Asche

Er blickt aus dem Fenster. Aresos grossbürgerliches Wohnhaus liegt ein paar Fussminuten vom Flussufer und vom Museum entfernt. Vor 20 Jahren verwaisten hier Stahlwerke und Werften. Heute flanieren Familien in gepflegten Parkanlagen, Studenten plaudern vor dem Bibliotheksgebäude, ein Kongresspalast lockt Geschäftsleute aus aller Welt.

Es sind die sichtbaren Folgen des «Bilbao-Effekts»: des gelungenen Strukturwandels von einer Industrie- zu einer Dienstleistungsstadt, mit der Kultur als wichtigem Motor.

Ein unwiederholbarer Effekt?

Avilés, Santander, Santiago de Compostela und ein halbes Dutzend andere spanische und europäische Städte haben seither versucht, Ähnliches zu erreichen. Mit mässigem Erfolg. Was macht den Bilbao-Effekt so unwiederholbar?

Areso nimmt auf einem ausladenden Sessel Platz, unter der Reproduktion eines Ölgemäldes, das ihn in Amt und Würden zeigt. Er setzt zu einem ausführlichen Vortrag an, erklärt Zusammenhänge.

Er erzählt, wie der Industriehafen in den 1990er-Jahren vom innerstädtischen Flussufer ans Meer verlegt, der Fluss gereinigt wurde. Berichtet, wie die kriselnde Schwerindustrie langsam einer Technologiebranche wich, wie Jobs im Dienstleistungssektor entstanden.

Roger Wehrli: Bilbao

Der Schweizer Fotograf Roger Wehrli hat von 1988 bis 2014 den Wandel und die Neuerfindung Bilbaos in einem Langzeitprojekt dokumentiert. Seine Schwarz-Weiss-Bilder hat er nun in einem Buch veröffentlicht:
Roger Wehrli: «Bilbao. Fotografien seit 1988 – Vom Industriemoloch zur Kulturhauptstadt – die Geschichte eines urbanen Wandels». Scheidegger & Spiess, 2017.

Die Kirsche auf dem Kuchen

Erst dann kommt er auf das Guggenheim zu sprechen, das zum Symbol dieses Wandels werden sollte. «Das Fundament des Strukturwandels stand bereits. Das Guggenheim war lediglich die Kirsche auf dem Kuchen.» Aber was für eine Kirsche!

Mit über 1,3 Millionen Besucher im ersten Jahr – doppelt so viele wie geplant – übertraf Gehrys Bau alle Erwartungen. Auch finanziell. 133 Millionen Euro hatte das Museum gekostet, inklusive des Ankaufs von Kunstwerken.

Selbst die Optimisten waren überrascht

Bereits im Jahr darauf wuchs Bilbaos Bruttosozialprodukt um 140 Millionen Euro, in erster Linie wegen Gehrys Prachtbau. Fünf Jahre nach Eröffnung hatte die baskische Verwaltung die Kosten für das ganze Museum allein über die gestiegenen Steuereinnahmen wieder erwirtschaftet.

«Das hat selbst die Optimisten unter uns überrascht», sagt Areso. 4000 Arbeitsplätze schuf das Guggenheim in wenigen Jahren: für Museumspädagogen und Kunstverwalter, Hotelangestellte und Köche. «Das sind genauso viele Jobs, wie durch die Pleite der grössten baskischen Werft verloren gingen.»

Der Stadtverwaltung von Bilbao ist es gelungen, den Motor Guggenheim am Laufen zu halten. Bis heute.

Eine riesige Achterbahn

Als das Guggenheim eröffnet wurde, war Xabier Ochandiano gerade einmal 16 Jahre alt. Sein Schulweg führte über die Brücke am Nervión. Jeden Tag blieb er für ein paar Minuten an der Baustelle stehen.

Porträt Xavier Ochandiano
Legende: Ein Projekt wie das Guggenheim müsse in der lokalen Kultur verwurzelt sein, sagt Stadtrat Xavier Ochandiano. SRF / Julian Salinas

«Das Skelett sah aus wie eine riesige Achterbahn. Das fand ich als Jugendlicher natürlich wahnsinnig aufregend», erzählt Ochandiano. «Das Potenzial dieses Hauses erkannte ich damals natürlich noch nicht.» Heute verwaltet er dieses Erbe als Stadtrat für Wirtschaftsentwicklung mit.

Lebendige Kunstszene lockt Touristen

Kunstmuseum von aussen
Legende: Bedeutende Kunstsammlung: das Museo de Bellas Artes in Bilbao. SRF / Julian Salinas

Der kulturelle Motor der Stadt ist allerdings nicht allein das Guggenheim, sondern auch das Museo de Bellas Artes. Dessen Kunstsammlung ist nach jener im Prado in Madrid die bedeutendste Spaniens. Es ist auch die lebendige Galerielandschaft des Bilbao Art District.

Das lockt eine betuchte lokale und internationale Klientel an, vor allem aus Frankreich, Grossbritannien, den USA und Deutschland. 453 Millionen Euro pro Jahr geben die Besucher im Schnitt in der Stadt aus, gut 32 Millionen davon im Guggenheim-Museum selbst. Der Rest fliesst ins Hotelgewerbe – und die Gastronomie.

Bilbao-Effekt für die Gastronomie

Davon profitiert auch Aitor Elzerri, Besitzer dreier Edel-Restaurants. Frank Gehry soll bei seinem ersten Bilbao-Besuch von der baskischen Küche mindestens so begeistert gewesen sein wie von den Möglichkeiten seines Projekts, sagt Elzerri.

Porträt Aitor Elzerri
Legende: Gastronom Aitor Elzerri hat dank dem Guggenheim-Museum neues Selbstbewusstsein gefasst. SRF / Julian Salinas

Er schwärmt vom Bilbao-Effekt für die Gastronomie: «Unsere Museen hatten schon immer exzellente Restaurants, aber die Ankunft des Guggenheims hat uns alle kreativer gemacht.»

Gestiegenes Selbstbewusstsein

Kunstvoll drapierte Pintxos – die typisch baskischen Häppchen –, ein neues Empfinden für Ästhetik, mehr Experimentierfreude: Das alles bekam durchs Guggenheim eine grössere Bedeutung. Und sorgte für einen ordentlichen Schub Selbstbewusstsein.

«Nach der Katastrophe des industriellen Niedergangs fassten wir alle wieder Vertrauen: in uns selbst und unsere Stadt», erklärt Elzerri. «Weil wir eben alle mit angepackt haben.»

Das Guggenheim wurde so zum Symbol des Wiederaufstiegs aus der Industrieasche. Das sei ebenso wichtig für den Bilbao-Effekt wie ein gut geplanter Strukturwandel.

Erfolglose Nachahmer

Eine solche Verbindung zwischen Stadt und Museum hat man anderswo nie erreicht. Auch nicht mit Peter Eisenmans 2011 eingeweihter Cidade da Cultura in Santiago de Compostela, einem der grössten spanischen Kulturprojekte des Jahrhunderts.

Der 142‘000 Quadratmeter grosse Komplex aus sechs Gebäuden spielt zwar architektonisch anspruchsvoll mit den Formen des Berges Gaià und der Jakobsmuschel, den Symbolen der Pilgerstadt schlechthin.

Für die Einheimischen bleibt er aber mit seinen unübersichtlichen Gebäudelandschaften abstrakt – und liegt zu weit ausserhalb, um mal eben ins Alltagsleben integriert zu werden. 20 Minuten dauert die Autofahrt hoch auf den Berg.

Kantiges, futuristisches Gebäude, zu dem sich der Boden anhebt
Legende: Peter Eisenmans imposante Cidade da Cultura in Santiago de Compostela wurde dreimal teurer als geplant. Getty Images

Emotionale Nähe zählt

Auch Gijóns Kunst- und Kreativzentrum Laboral in einem riesigen umgenutzten Waisenhaus aus der Franco-Zeit liegt ausserhalb des Stadtzentrums.

Ist Nähe unabdingbar für den Erfolg eines Projekts? Ja, meint Bilbaos Stadtrat Ochandiano. Wichtiger als die geographische Nähe sei jedoch die emotionale.

Neulich war Alain Juppé zu Besuch, der Bürgermeister aus Bordeaux. Er will seine Stadt mit der futuristischen Cité du Vin zum Zentrum der Weinkultur machen. «Das wird klappen, weil sein Projekt tief in der Kultur des Ortes verwurzelt ist», meint Ochandiano.

Ein Herz für die lokale Kultur

Das ist auch beim Guggenheim der Fall. Skeptiker fürchteten zunächst eine «Amerikanisierung der baskischen Kultur», sprachen abschätzig vom «McGuggenheim».

Solche Zweifel sind längst verflogen. Das Museum hält die lokale Kultur hoch. Den Bildhauern Chillida und Oteiza, den beiden Weltstars der baskischen Kulturszene, ist im Museum ein Raum gewidmet.

Das Haus leitet noch immer Gründungsdirektor Juan Ignacio Vidarte, ein Sohn der Stadt. Und zum Geburtstag hat man jedem Bewohner der Provinz Vizkaya, zu der Bilbao gehört, eine Eintrittskarte spendiert – Anreise inklusive.

Wandel hätte auch ohne Stararchitekt stattgefunden

Ob nun ein Stararchitekt von Weltformat einen Bau entwirft, ob eine prominente Stiftung ihren Namen hergibt: All das hält Ibon Areso für zweitrangig.

«Dass Gehry ausgerechnet uns sein Meisterwerk schenkte, war natürlich ein riesiger Glücksfall», sagt der pensionierte Bürgermeister. «Aber Bilbao hätte den Wandel auch ohne ihn – und ohne die Stiftung Guggenheim hinbekommen.»

Einseitiger Fokus auf Architektur

Auch Architekturexperte Llàtzer Moix hält grosse Namen für zweitrangig: «Exzellente Architektur muss mit exzellentem Inhalt gefüllt werden. Leere Museen bringen keine Stadt voran.»

Berauscht vom Bilbao-Effekt hätten Spaniens Politiker in den Nuller-Jahren einseitig auf die ikonographische Kraft von Gebäuden gesetzt – und Unmengen von Geld für Stararchitekten ausgegeben.

Futuristische Gebäude am Wasser
Legende: Teures Prestigeprojekt: die Ciudad de las Artes y las Ciencias in Valencia von Architekt Santiago Calatrava. Getty Images

Hüllen ohne Inhalt

In Valencia kostete Santiago Calatravas Ciudad de las Artes y las Ciencias satte 1,3 Milliarden Euro. Eisenmans Kulturstadt in Santiago de Compostela verschlang mit gut 500 Millionen Euro mehr als das Dreifache des geplanten Budgets.

Für das Ausstellungsprogramm blieb kaum mehr Geld übrig. Und Ausstellungen über Sitzmöbel und Monographien lokaler Künstler locken kaum Besucher auf den Monte Gaià.

Scheitern in Avilés

Im nordspanischen Avilés scheiterten die Macher an politischen Streitigkeiten. Ähnlich wie das Guggenheim sollte dort das Oscar-Niemeyer-Zentrum einer degradierten Industriestadt 2011 neues Leben einhauchen.

Der brasilianische Stararchitekt Oscar Niemeyer entwarf einen eleganten weissen Rundbau. Sein erstes Werk in Europa entzückte die Architekturkritik.

Flacher weisser Kuppelbau und rundes, flaches Gebäude auf einer Säule
Legende: Architekturfans waren entzückt, doch der Erfolg des Oscar-Niemeyer-Zentrums in Avilés blieb aus. Imago/Imagebroker

Doch ein halbes Jahr nach der glamourösen Eröffnung mit Woody Allen wurde das Haus geschlossen. Die Verwaltungen waren sich über Projektausrichtung und Finanzierung uneinig. Einer Bürgerinitiative gelang die Weiterführung des Projekts, doch der Bilbao-Effekt blieb in Avilés aus.

Dringlichkeit ist zentral

Altbürgermeister Ibon Areso wundert das nicht. Er hat auf der ganzen Welt dutzende Male über den Bilbao-Effekt referiert.

Die entscheidenden Worte allerdings hätten die meisten Entscheidungsträger überhört: «So ein Projekt kann nur funktionieren, wenn alle an einem Strang ziehen und die Notwendigkeit so gross ist, dass sich Fehden von selbst verbieten.»

Ohne die Industriekrise wären Bilbaos Stadtoberen nie ein solches Grossprojekt angegangen, und ohne den grundlegenden Strukturwandel wäre selbst ein Ausnahmebau wie Gehrys Guggenheim nur Dekor geblieben.

Glückliches Zusammenspiel

Ohne den grossen Namen der New Yorker Stiftung wiederum wäre ein so schneller Imagewandel der Industriestadt unmöglich gewesen: Der Bilbao-Effekt ist das glückliche Zusammenspiel mehrerer Faktoren.

Das macht ihn so einzigartig – und unnachahmlich: Er ist genauso ein Unikat wie die Kunstwerke, die in Gehrys futuristischem Meisterwerk jeden Tag tausende Besucher begeistern.

Dann zückt Ibon Areso sein Smartphone und zeigt den Spot zum 20-jährigen Geburtstag des Guggenheim. Darin sind Frank Gehry, Jenny Holzer, Richard Serra und Jeff Koons zu sehen, die lachend bekennen: «Ja, ich bin Bilbao». Ein PR-Stunt, der zeigt, wie stolz man nicht nur in Bilbao auf das Guggenheim-Museum ist.

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