Roman «Die Fremde» Als die Christen zum Morden auszogen

Der flämische Autor Stefan Hertmans schildert in seinem grandiosen neuen Roman «Die Fremde» ein Frauenschicksal zur Zeit der Kreuzzüge. Er lässt an die Gegenwart denken.

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Bildlegende: Historischer Blick: Stefan Hertmans «Die Fremde» spielt zwar im 11. Jahrhundert, ist aber erstaunlich aktuell. Imago / Pixsell

Der Belgier Stefan Hertmans ist ein grosser Romancier, der erzählen kann. Das hat der auf Niederländisch schreibende Dichter zuletzt 2014 mit seinem Buch über den Ersten Weltkrieg «Der Himmel meines Grossvaters» bewiesen.

Nun legt Hertmans ein Scheit nach: In seinem kürzlich auf Deutsch erschienenen Roman «Die Fremde» nimmt er sich erneut einen historischen Stoff vor. Dieses Mal geht es um die Geschichte einer jungen Frau, die im 11. Jahrhundert in Frankreich lebte und in die Wirren der Kreuzzugsbewegung geriet.

Religiöser Fanatismus

Erneut ist Hertmans ein literarisch äusserst dichtes Werk gelungen, dessen Sogwirkung man sich nur schwerlich entziehen kann.

Aber es beklemmt auch: Es erinnert daran, dass es nicht immer der islamistische Fundamentalismus war, der in der Welt Angst und Schrecken auslöste. Vor knapp 1000 Jahren haben massenhaft Fanatiker christlicher Couleur dasselbe bewirkt.

Verliebt in einen Juden

Der Autor tastet sich äusserst vorsichtig und behutsam an die Hauptfigur des Romans heran: Sie ist eine junge Frau. Hertmans gibt ihr den Namen Vigdis Adelaïs. Sie ist historisch belegt.

Geboren wird Vigdis um das Jahr 1070 im Norden Frankreichs, vermutlich in Rouen. Vidgis verliebt sich in einen jüdischen Jungen namens David. Mit diesem flieht sie vor dem langen Arm des Vaters, der mit dem Gebaren seiner Tochter nicht einverstanden ist.

Flucht und Pogrom

Das Paar schlägt sich nach Südfrankreich durch und versteckt sich dann in einem abgelegenen Bergdorf der Provence, das heute den Namen Monieux trägt. Vigdis Adelaïs konvertiert zum Judentum und nennt sich fortan Hamutal.

Das Paar heiratet und bekommt Kinder. Dann geschieht die Katastrophe: Papst Urban II. ruft 1095 in Clermont zum ersten Kreuzzug auf. Die Befreiung des Heiligen Landes von den ungläubigen Muslimen: «Deus lo volt!». Gott will es.

Die Juden als Feinde

Die Heere der von religiösem Wahn ergriffenen Ritter sammeln sich. Vor ihrer Abreise Richtung Osten nehmen sie sich die Feinde Christi in Europa vor, oder diejenigen, die sie dafür halten. Allen voran die Jüdinnen und Juden.

Als eines der Ritterheere Monieux erreicht, ist es um die kleine jüdische Gemeinde dort geschehen: ein furchtbares Pogrom. David stirbt, die Kinder werden entführt.

Der Beginn einer unmöglichen Reise

Vigdis Adelaïs alias Hamutal überlebt. Aber sie ist von Schmerz zerrissen. Die seelischen Höllenqualen treiben die junge Frau dazu, das Unmögliche zu versuchen: ihre Kinder zu finden.

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Buchhinweis

Stefan Hertmans: «Die Fremde». Hanser Berlin, 2017.

Hamutal vermutet sie im Heiligen Land. Sie bricht zu einer abenteuerlichen und für die damalige Zeit für eine alleinstehende junge Frau beinahe unmögliche Reise auf. Sie führt sie bis nach Kairo und wieder zurück nach Frankreich – und am Ende in den Wahnsinn.

Empathischer Blick

Hertmans durchbricht die Struktur des klassischen historischen Romans. Es gibt keine Chronologie. Er erzählt aus dem Hier und Jetzt. Von sich selbst, von seinen Tagträumen: Wer war sie wirklich? Was hat sie gedacht? Welche Landschaften hat sie auf ihrer Flucht und dann auf ihrer fieberhaften Suche nach den Kindern gesehen?

Hertmans schildert, wie er im Auto ganz Frankreich durchfährt auf der Fährte seiner Protagonistin. Hat sie sich in jenem Wald versteckt? Oder dort unter der Brücke? Haben sich Vigdis Adelaïs und David auf jener Wiese am Waldrand geliebt?

Stück um Stück setzt Hertmans das Bild dieses Lebens zusammen. Einem alten Fresko gleich, bei dem die Hälfte abgeblättert ist und mit historischem Sachverstand und sehr viel Empathie Leerstellen gefüllt werden. Das ergibt kein wissenschaftlich verlässliches Werk. Dafür Literatur vom Feinsten.

Die Nachbarin des Autors

Hertmans scheint besessen zu sein vom Los dieser Frau. Sie könnte seine Nachbarin sein, hätte er 1000 Jahre früher gelebt. In Monieux, dem Ort des Pogroms, besitzt Hertmans schon lange ein Ferienhaus.

Dass ausgerechnet hier vor knapp 1000 Jahren ein furchtbarer Massenmord geschehen ist, erfuhr Stefan Hertmans vor ein paar Jahren mehr durch Zufall. Es war für den Autor jedoch die Initialzündung, dem Leben seiner zeitversetzt lebenden Nachbarin nachzugehen.

Sein Buch zeigt exemplarisch, wie politisches Geschehen in das Leben einzelner eingreifen kann – und das dabei hochaktuell ist.

Sendung: Radio SRF 1, BuchZeichen, 30.4.2017, 14:06 Uhr.

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