Solothurner Literaturtage «An vielen Orten der Schweiz stinkt es nach Geld»

Was ist das grösste Problem der Schweiz? Ist es ihr Reichtum, ihre Isolation – oder sind es die Schweizer selbst? Drei Autorinnen und ein Autor geben Antwort.

In Solothurn trifft sich für drei Tage die Literaturszene der Schweiz. Bücher stehen im Zentrum, die Schriftstellerinnen und Schriftsteller im Scheinwerferlicht.

Die Literatur an den Literaturtagen ist aber nicht nur Selbstzweck. Autorinnen und Autoren beschäftigen sich mit den Themen der Gegenwart – im Alltag, in ihren Büchern.

Wir haben ein Thema herausgegriffen und nachgefragt: Was ist das grösste Problem der Schweiz?

Julia Weber

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Bildlegende: Julia Weber: «Das grösste Problem der Schweiz sind die Menschen, die so tun, als wären Landesgrenzen naturgegeben.» Ayse Yavas

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Julia Weber

Julia Weber wurde 1983 in Moshi (Tansania) geboren. Ihr Erstlingsroman «Immer ist alles schön» erschien 2017. Weber lebt in Zürich.

«Das grösste Problem der Schweiz sind die Berge in den Köpfen der Menschen, ist der Blick, in dem die Überzeugung liegt, zu wissen, was man sehen wird, zu wissen was zum Innen und was zum Aussen gehört.

Als Kind habe ich beim Grenzübertritt erwartet, dass etwas geschieht, ich dachte man würde plötzlich eine andere Sprache sprechen oder der Himmel würde seine Farbe wechseln, dabei kam bloss im Radio ein anderes Lied.

Das grösste Problem der Schweiz sind die Menschen, die so tun, als wären Landesgrenzen naturgegeben, es sind Menschen, denen es um die Erschaffung von Angst vor einem Aussen, zur Stärkung ihrer Macht geht, und nicht, wie sie behaupten, um das Land, in dem der Mensch, ohne Berge im Kopf, besser lebt.»

Dana Grigorcea

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Bildlegende: Dana Grigorcea: «Wir leben in Zeiten, da man sich zu den Werten Europas tatkräftig bekennen muss.» Wikimedia

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Dana Grigorcea

Dana Grigorcea wurde 1979 in Bukarest geboren. Mit ihrem Buch «Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit» hat sie einen phantastischen Stadtroman über Bukarest geschrieben. Grigorcea lebt in Zürich.

«Das grösste Problem der Schweiz ist, dass sie, im Herzen Europas, nicht zur Europäischen Union gehört. Wir leben in Zeiten, da man sich zu den freiheitlichen und aufklärerischen Werten Europas tatkräftig bekennen muss.

Eine politische Enthaltung käme auf die Dauer jener Haltung vor allem der östlichen Neumitglieder gleich, die allein wirtschaftlich von der EU profitieren wollen. Als EU-Mitglied aber hätte die Schweiz ein Mitspracherecht und damit eine faire Chance, die EU, die sie umgibt, aktiv mitzugestalten.»

Vera Schindler-Wunderlich

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Bildlegende: Vera Schindler-Wunderlich: «Auf!» Sébastien Agnetti

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Vera Schindler-Wunderlich

Vera Schindler-Wunderlich wurde 1961 in Solingen geboren. Sie arbeitet als Redaktorin bei den schweizerischen Parlamentsdiensten in Bern und als Lyrikerin. Schindler-Wunderlich lebt in Allschwil.

«Auf! und fragen Sie selbst:
in Kinder- und Sitzungszimmern,
Prachthäusern und Schlachthäusern,

in Sprachkursen, an Felshängen,
Grenzübergängen, in Tunneln, Küchen,
Schließfächern und Friedhofskapellen.

Fragen Sie in allen Sprachen:
«Was habt ihr?» «Was drückt so schwer?»
«Was müssen wir giessen, was kappen?»

Da kämen sie ans Licht, die grössten Lasten der Schweiz.
Und dann wär das grösste Problem der Schweiz nur noch
die Abstimmung über das grösste Problem der Schweiz.»

Gerhard Meister

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Bildlegende: Gerhard Meister: «Es stinkt an so vielen Orten in diesem Land nach Geld.» Ayse Yavas

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Gerhard Meister

Gerhard Meister wurde 1967 im Emmental geboren. Er schreibt Theaterstücke, Hörspiele und Spoken-Word-Texte. Meister wohnt in Zürich.

«Das grösste Problem der Schweiz ist ihr Reichtum. Dass es an so vielen Orten in diesem Land nach Geld stinkt und aus all diesem Geld so selten eine schöne und grosse Idee wächst. Die Idee zum Beispiel, es zu teilen.»

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 26.5.2017, 17:08 Uhr

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