Die Schweizer Literaturszene durch die deutsche Brille

Im Vorfeld zur Leipziger Buchmesse nahmen sechs deutsche «Literaturbotschafter» das Gastland Schweiz unter die Lupe: Sie bereisten letztes Jahr die Schweiz mit dem Ziel, die hiesige Literaturszene zu erkunden – und wurden überrascht: Statt Schweiz-Klischees fanden sie «radikale Idyllenzerstörer».

Gruppenbild mit sechs stehenden Personen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die sechs deutschen «Literaturbotschafter» haben 2013 die Schweizer Literaturszene kennengelernt. Gert Mothes

Die Idee hatte der Schweizerische Buchhändler- und Verlegerverband SBVV gemeinsam mit dem Leipziger Volksblatt lanciert: In der Zeitung wurden im März 2013 kulturinteressierte Männer und Frauen gesucht, die sich den Job als Literaturbotschafterinnen und -botschafter vorstellen konnten. Als Preis für eine originelle Bewerbung lockte eine Einladung an eine der wichtigen Schweizer Literaturveranstaltungen.

Viele offene Fragen zur Schweiz

Man sieht ein Porträt von Jutta Eicke. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Jutta Eicke kam als erste als «Botschafterin» zum Einsatz. Gert Mothes

Die Leipziger Gymnasiallehrerin Jutta Eicke packte die Gelegenheit beim Schopf und betonte in ihrer Bewerbung, dass die Schweiz in ihrer Wahrnehmung schon immer gegenwärtig gewesen sei, «auch zu Zeiten, als man noch keinen Gedanken daran verschwendete, sie jemals höchstpersönlich besuchen zu dürfen».

Jutta Eicke endete ihr Schreiben mit dem Bekenntnis: «Es gibt so viele Fragen, ich bin so neugierig auf die Schweiz. Bitte lassen Sie mich Literaturbotschafterin werden, es wird für alle ein Gewinn. Sicher.»

Nur Dürrenmatt und Frisch

Jutta Eicke erhielt den Job – genauso wie drei andere Frauen und zwei Männer. Die Schweizer Literatur interessierte sie sehr, zumal sie bis zum Mauerfall praktisch keine Bücher aus diesem Land kennengelernt hatte. Einzig Dürrenmatt und Frisch sind Jutta Eicke ein Begriff gewesen: «Aber auch da waren besondere Beziehungen nötig, um sie lesen.» Zum Glück habe sie einen cleveren Bruder in Berlin gehabt, der ihr die Texte vermitteln konnte.

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Schweizer Literatur

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«Die Idyllen-Zerstörer»

Jutta Eicke war dann auch die erste, die als «Botschafterin» zum Einsatz kam: Im Mai 2013 besuchte sie die «Solothurner Literaturtage» und war begeistert von all den Darbietungen. Ununterbrochen tauchte sie in Lesungen und Veranstaltungen ein, suchte das Gespräch mit Autorinnen und Autoren und war vor allem neugierig auf die neuen, unbekannten Schweizer Stimmen.

Später zog sie im «Leipziger Volksblatt» eine sehr positive Bilanz. Und stellte provokativ die Frage: «Ist die Schweizer Literatur so idyllisch wie Solothurn, oder das scheinbar unsterbliche ‹Klischee Schweiz›?» Und sie liefert die Antwort gleich selber: «Weit gefehlt: Da sind radikale Idyllenzerstörer am Werk.»

Als Beispiel nennt sie Erwin Kochs Reportageband «Von dieser Liebe darf keiner wissen». Aber auch den noch unveröffentlichten Text «Jakawa» von Hansjörg Schertenleib und den historischen Roman «Das Gesicht» von Dominik Bernet, der sie vom Stil her an Patrick Süskinds «Parfum» oder an Robert Schneiders «Schlafes Bruder» erinnert hat.

«Der Schweizer hat Humor!»

Weitere Festivals, die von Leipziger LiteraturbotschafterInnen abgedeckt wurden, waren im Sommer das Internationale Literaturfestival in Leukerbad und die Frauenfelder Lyriktage.

Porträt einer dunkelhaarigen frau mit hellblauer Bluse. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: «Literaturbotschafterin» Ulrike Gastmann entdeckte die humorvolle Seite der Schweiz. Gert Mothes

Mitte Oktober fand dann in Bern die Schweizer Poetry-Slam-Meisterschaften statt. Die Lehrerin Ulrike Gastmann war für die Berichterstattung aus Leipzig vor Ort. Da sie schon einmal während zwei Jahren in Zürich gelebt und dort am Aufbau einer jüdischen Schule beteiligt gewesen war, konnte sie den Dialekt-Vorträgen mehrheitlich folgen.

Die Erfahrung habe sie «aufgeknackt für die zum Teil sehr unkomplizierte Art von Literatur». Sie habe realisiert, welche Chancen diese Form auch darstelle, um Literatur ans junge Publikum heranzutragen. Und vor allem: «Mir ist bewusst geworden: der Schweizer hat Humor!»

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Leipziger Buchmesse

Vom 13. bis 16. März findet die Leipziger Buchmesse statt. Der diesjährige Schwerpunkt ist der Schweizer Literaturszene gewidmet: Auf der Website Auftritt Schweiz präsentiert der Schweizer Buchhändler- und Verleger-Verband SBVV eine umfassende Übersicht zu Veranstaltungen und Projekten.

«Heidi» als belastende Lektüre

Gleich im Doppelpack durfte das Ehepaar Martina und Volker Pechtl Ende Oktober in die Schweiz reisen. Die beiden mussten aber auch gleich zwei parallel stattfindende Festivals abdecken: «Zürich liest» und «Buch Basel». Auch für die Pechtls war die Entdeckung der Schweizer Literaturszene – wie sie sagen – eine grosse Chance, denn die jahrzehntelange Abschottung vom Westen hat auch bei ihnen eine grosse Sehnsucht nach Literatur geweckt.

Auch wenn Schweizer Bücher zum Teil gar nicht verboten waren, so habe man aus finanziellen Gründen keine Möglichkeit gehabt, an sie heranzukommen. «Sie waren Schätze, und dieses Bewusstsein ist bis heute geblieben.»

Das einzige Schweizer Buch, das Martina Pechtl in der ehemaligen DDR je in die Hände bekam, war Johanna Spyris «Heidi». Heimlich habe sie es aus dem Zimmer ihrer Schwester geholt und die Lektüre als sehr belastend in Erinnerung behalten.

Staunen über den Mut der Buchpreis-Jury

Ein Mann mit Blumenstrauss in der Hand und eine Frau werden aus Distanz fotografiert. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Jens Steiner erhält 2013 den Schweizer Buchpreis. Keystone

Ganz anders jetzt der Eindruck in Basel und Zürich: Die Pechtls waren vor allem von Urs Widmer, «dem grossen alten Wortmagier», angetan und freuten sich über seine Schilderung des «Glücksfall Buch», wie Widmer es nennt: «Ein gutes Buch wird so sehr dein eigen Ding, dass es am Schluss, ausgelesen von zwei Menschen stammt. Von Dir und vom Schreiber, auch wenn der seit 100 Jahren tot ist oder im fernen Toronto lebt.»

In Basel nahm das «Botschafter»-Paar an der Verleihung des Schweizer Buchpreises teil und staunte über den Mut der Jury, fast ausschliesslich junge, unbekannte Autorinnen und Autoren in die Endausscheidung zu schicken.

«Frisches und eigenwillig originelles Programm»

Mit einem Apéro auf den Sieger Jens Steiner endete der Aufenthalt von Martina und Volker Pechtl. Kurz darauf deponierten sie eine freudige Nachricht im Leipziger Volksblatt an die Adresse des zukünftigen Messe-Publikums: «Sie können sich auf ein grossartiges, frisches und eigenwillig originelles Programm freuen, so, wie wir die Schweiz in diesen Tagen erleben durften.»

Ob die Botschaft bei der Bevölkerung angekommen ist, wird sich an ihrem Interesse am «Auftritt Schweiz» zeigen: Dieser geht während der Buchmesse mit vielen Veranstaltungen über diverse Leipziger Bühnen.

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