Begegnungen mit Unbekannten Auf der Suche nach dem Glück im Bergdorf

Was brauchen wir zum Glück? Und: Was hält uns davon ab? «Weshalb die Herren Seesterne tragen» zeigt eine leise Sinnsuche.

Bergdorf unter einer Schneedecke - Bergpanorama im Hintergrund. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der Protagonist Karl erfährt durch die Befragung der Bergler viel über sich. Keystone

Für Platon besteht das Glück im Gleichgewicht zwischen Vernunft, Willen und Begehren. Laut Augustinus erreicht der Mensch die Glückseligkeit allein durch Gott. Und gemäss Schopenhauer ist die Vorstellung, der Mensch sei da, um glücklich zu sein, an sich ein angeborener Irrtum.

Und Karl? Er beschreitet in der Frage des Glücks eigene Wege. Karl ist die Hauptfigur im Roman «Weshalb die Herren Seesterne tragen» der 1984 geborenen Österreicherin Anna Weidenholzer.

Der Glücksforscher

Karl ist ein pensionierter Lehrer irgendwo in Österreich. Er macht sich auf, das Glück und seine Bedingungen auf eigene Faust zu erkunden. Nach dem Zufallsprinzip wählt er ein Bergdorf aus. Dort lässt er sich im örtlichen Gasthof für mehrere Wochen nieder.

Im Gepäck führt Karl den leicht adaptierten Fragebogen mit, der im asiatischen Bhutan jeweils zum Einsatz kommt: Die dortige Regierung ermittelt seit den 1970er-Jahren in gross angelegten Volksbefragungen regelmässig das so genannte Bruttonationalglück.

Verunglückte Feldforschung

Der Fragebogen soll Karl dazu dienen, die Bewohnerinnen und Bewohner des Dorfs über ihre Zufriedenheit zu befragen. Doch bei der Feldforschung geht vieles schief.

Karl lässt sich während der Interviews aus dem Konzept bringen. Er erhält kaum Antworten auf seine Fragen, dafür ungefragt intimste Informationen über das Innenleben der Bergler.

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Anna Weidenholzer

«Weshalb die Herren Seesterne tragen» ist Anna Weidenholzers drittes literarisches Buch, nach dem Erzählband «Der Platz des Hundes» (2010) und dem Roman «Der Winter tut den Fischen gut» (2012), der für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert war. Die gebürtige Linzerin wohnt seit 2002 in Wien.

Suche nach sich selbst

Da ist etwa eine Frau, die in schwierigen Lebensfragen auf das Legen von Tarot-Karten schwört. Ein Mann, den Karl befragt, fühlt sich vor allem dann glücklich, wenn er Holz spaltet. Und ein dritter findet Sinn und Halt in einem seiner Kellerräume, wo mit einer Plastikpalme eine Südseeinsel nachgebaut ist.

Je länger Karl fragt, desto mehr wird der in den Augen der Dorfbewohner sonderbare Hobby-Forscher selbst zum Objekt der Befragung. Und für Karl gerät die Suche nach dem kollektiven Glück zur Suche nach sich selbst.

Der Strom der Gedanken

Anna Weidenholzer erweist sich in diesem Roman – es ist ihr zweiter - erneut als Meisterin der feinen Andeutungen und des sprachlichen Schwebezustandes. Der Roman gleicht einem einzigen langen Bewusstseinsstrom des Protagonisten.

In einer distanzierten, von Adjektiven befreiten und dadurch geradezu spröden Sprache wechseln Schilderungen des Dorfs ab mit Erinnerungsfetzen und mit freien Assoziationen des Protagonisten. Und immer wieder hält dieser innere Zwiesprache mit seiner Ehefrau, die er zu Hause gelassen hat.

Das Glück kommt nicht durchs Nachdenken

Und wie steht es nun um das Glück? Der behutsame, feinfühlige und zutiefst verunsicherte Karl weiss es nicht. Auch als er nach sechs Wochen Aufenthalt im Dorf wieder in sein Zuhause in einer Kleinstadt zurückfährt. Die Frage nach dem Glück ist zu gross, als dass er eine schlüssige Antwort darauf gefunden hätte.

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Buchhinweis

Anna Weidenholzer: Weshalb die Herren Seesterne tragen, Matthes und Seitz 2016.

Dennoch war der eigenwillige Trip nicht umsonst. Karl hat etwas erfahren: Dass es für das Glück offenbar darauf ankommt, anderen Menschen zuzuhören, spontane Begegnungen mit Unbekannten zuzulassen, völlig andere Lebensentwürfe kennenzulernen und nicht zu bewerten – und vielleicht sogar neue Freundschaften zu schliessen.

Und dass sich das Glück zuallerletzt allein in der Reflexion einstellt. Das unbekümmerte tägliche Tun ist da wohl doch erfolgsversprechender. Machen es die Dorfbewohner nicht vor? So scheint es zumindest.

Sendung: SRF 2 Kultur, 52 Beste Bücher, 15.1.2017, 11:03 Uhr.

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