Charlotte Salomon malte sich ihr Leid von der Seele

Die deutsch-jüdische Kunstmalerin Charlotte Salomon starb 1943 in Auschwitz. Kurz vor ihrem Tod malte sie in kürzester Zeit über 800 Bilder, auf denen sie ihr tragisches Leben darstellte. Der Franzose David Foenkinos widmet ihr den eindringlichen und literarisch dichten Roman «Charlotte».

Ein Selbstporträt von Charlotte Salomon. Sie hat braunes Haar und trägt ein blaues Hemd. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ein Genie mit einem schweren Schicksal: ein Selbstbildnis von Charlotte Salomon. Wikimedia / Museum page

Der 41-jährige Pariser Schriftsteller David Foenkinos gilt als Bestsellerautor. Seine Bücher sind in rund 40 Sprachen übersetzt. Sein Roman «Charlotte», der nun auch auf Deutsch erschienen ist, hat sich allein in Frankreich 500'000 Mal verkauft. Und er hat dort erst noch höchste literarische Ehrungen erhalten: den Prix Renaudot und den Prix Goncourt des lycéens.

2006 habe er in Paris eine Ausstellung besucht mit den Bildern der deutschen Malerin Charlotte Salomon, erzählt Foenkinos. Die Bilder, die heute im Besitz des Jüdisch-Historischen Museums in Amsterdam sind, hätten ihn «wie ein Blitzschlag» getroffen. «In diesen Bildern war alles, was ich an Kunst mag: Musik, Fantasie, Verzweiflung, Leidenschaft.» Das Gezeigte sei ihm «seltsam vertraut» vorgekommen. Und so habe er beschlossen, über die Schöpferin dieses grossartigen Werks einen Roman zu schreiben.

Ein tragisches Leben auf 800 Bildern

Tatsächlich ist Charlotte Salomons Werk einzigartig. Auf über 800 Gouache-Bildern – alle im Format A4 – erzählt die Kunstmalerin ihr bewegtes und tragisches Leben: ihre Kindheit im Berlin der 1920er-Jahre in einem liberalen jüdischen Elternhaus, der frühe Selbstmord der Mutter, die Begegnung mit der Berliner Kunstszene, die Bedrängungen, die Ausgrenzungen und schliesslich die offene Gewalt der Nazis, die verzweifelte Flucht ins Exil in Südfrankreich.

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Buchhinweis

David Foenkinos: «Charlotte». DVA, 2015. (Auch als Hörbuch erschienen im Hörverlag, gelesen von Devid Striesow, 2015)

Charlotte Salomon malte ihr Werk, diese gigantische Autobiografie in Bildern, innerhalb von nur 18 Monaten, zwischen 1940 und 1942, im Exil in der Region Nizza. Auf die Bilder notierte sie kurze Texte. Und Verweise auf Musikstücke, die zum Gezeigten passen: Bach, Mozart, Bizet, aber auch Volkslieder und Schlager. Sie nannte ihr Werk ein «Singspiel» und gab ihm den Titel «Leben? Oder Theater?» Ein Dreiklang aus Bild, Musik und Text.

Danach übergab sie die Bilder einem Vertrauten. Dieser versteckte sie. Erst in den 1960er-Jahren wurden einzelne Bilder erstmals ausgestellt. Damals war Charlotte Salomon schon lange tot. Die Nazis hatten sie nach der militärischen Besetzung Südfrankreichs in ihrem dortigen Versteck aufgespürt und umgehend nach Auschwitz deportiert. Sie starb am 10. Oktober 1943.

Eine eindringliche Hommage

Foenkinos nähert sich dem Genie Charlotte Salomon mit grosser Zurückhaltung an. Immer wieder gibt Foenkinos in seinem Roman auch Einblick in die Entstehung des Werks. So schreibt er einmal, wie schwer er sich mit dem Romanprojekt getan habe: über Jahre Notizen, Recherchen, Interviews mit Zeitzeugen. Und dabei seien die Selbstzweifel gewachsen. «Ich brachte keine zwei Zeilen zu Papier.»

Er habe stets das Verlangen verspürt, eine neue Zeile zu beginnen. Um durchatmen zu können. Schliesslich habe er begriffen, dass er das Buch genau so schreiben müsse: nur ein Satz pro Zeile, dann Zeilenumbruch, dann eine neue Zeile, ein neuer Satz. Diese sprachliche Reduktion verleiht dem Roman eine sanfte, ja zärtliche Tonalität.

David Foenkinos ist mit «Charlotte» eine eindringliche Hommage an eine Künstlerin gelungen, deren Schicksal und Tragik verstören. Das Buch ist aber auch ein starkes literarisches Mahnmal gegen den Rassenwahn der Nazis. Und es ist schliesslich eine tiefe Verbeugung vor dem Genie einer jungen Frau, die – trotz regelmässiger internationaler Ausstellungen – noch immer nur einem verhältnismässig kleinen Publikum bekannt ist.

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