Der Grübler und das Zwergflusspferd: Arno Geigers neuer Roman

Nach dem Erfolg mit dem Vaterbuch «Der alte König in seinem Exil» ist Arno Geiger in ruhigeren Gewässern gelandet: In «Selbstporträt mit Flusspferd» lässt der Österreicher einen 22-jährigen Grübler den Sinn seines jungen Lebens deuteln. Dabei hilft ihm ein Zwergflusspferd auf die Sprünge.

Der Kopf eines Flusspferds, der von Wasser bespritzt wird. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ein Wesen aus dem Schattenreich: Das Zwergflusspferd in Arno Geigers Roman ist eine Metapher für das Übernatürliche. Keystone

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Arno Geiger

Arno Geiger

Keystone

Geiger wurde 1968 in Bregenz geboren. Für seine Romane erhielt er zehlreiche Auszeichungen, unter anderem den Deutschen Buchpreis für den Familienroman «Es geht uns gut» 2005. Geiger lebt als freier Schriftsteller in Wolfurt und Wien.

Das titelgebende Zwergflusspferd kommt erst im letzten Drittel von Geigers neuem Roman «Selbstporträt mit Flusspferd» zum Zug. Vorher hat der 22-jährige Erzähler Julian sich noch endgültig von seiner langjährigen Freundin Judith getrennt. Man ist sich gegenseitig überdrüssig geworden – aus der Einsicht, dass sie für ihn wohl etwas zu spiessig ist und er ihr mit seinen Grübeleien zu sehr in den Wolken hängt.

Wir sehen Geigers Romanwelt durch den Filter dieses selbstquälerischen Protagonisten, der auch der Erzähler ist. Julians «Unerfahrenheit» und seine Neigung, sich «Hoffnungen» zu machen, unterscheidet ihn von seinen Freunden. Diese leben in den Tag hinein. Sie lassen sich treiben. Dagegen wehrt sich Julian – allerdings mit wenig Erfolg.

Ein Adoleszenz-Roman

Die Trennung von seiner Freundin hat Julian ordentlich durchgeschüttelt. In seiner Clique ist er auch danach noch aufgehoben. Man trifft sich in einem Lokal oder macht auch einmal eine gemeinsame, feucht-fröhliche Landpartie. Man bildet in wechselnden Koalitionen Wohngemeinschaften. Julians Freund Tibor ist auch sein Antipode: Während jener haarsträubend mit Frauen umspringt und nur an der Oberfläche surft, ist Julian das pure Gegenteil. Ihn bewegt die Frage: «Wie finde ich ins Leben?»

Der neue Roman von Arno Geiger

3:46 min, aus Kultur kompakt vom 04.02.2015

Diese schwierige Phase im Anschluss an die Pubertät ist der Mehrheit aller Adolzeszenten mehr als geläufig. In dieser Hinsicht findet Arno Geiger nichts heraus, was einem als Leserin die Augen öffnete oder gar diese Lebensphase in einem überraschend neuen Licht erscheinen liesse. Des Pudels Kern scheint im letzten Drittel dieses Romans zu liegen.

Die Tochter des Professors

Freund Tibor empfiehlt Julian als seine Ferienvertretung. Er soll das Zwergflusspferd im Wiener Garten eines todkranken Professors hegen und pflegen. Das Tier war polizeilich konfisziert worden. Es hat Zwischenasyl in einem Teich auf diesem Grundstück erhalten, bevor es in den Zoo Basel überführt wird. Julian findet sich erstaunlich schnell in die Rolle des Tierpflegers.

Dann schlägt der Zufall zu: Julian verliebt sich in Aiko, die geheimnisvoll-kurzangebundene Tochter des todkranken Professors. Aiko hält den Gast auf Distanz – was die Natur nicht davon abhält, dass die Journalistin schwanger wird. Mit grösster Wahrscheinlichkeit von Julian. Am Ende verreist Aiko nach Paris, wohin ihr Julian nachfolgen wird. Was aus dieser Verbindung wird, bleibt in der Schwebe.

Das Wesen aus dem Schattenreich

Tiefenschärfe erhält dieser Roman durch die Figur des exotischen Tiers. Es steht scheinbar ohne Bezug zu seiner Umwelt da. Julian bezeichnet es als «Wesen aus dem Schattenreich». Und an anderer Stelle erschrickt er «vor der Realitätsferne dieses Tieres, vor seinem ganz natürlichen, unmodernen, unbrauchbaren Geist».

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Buchhinweis

Arno Geiger: «Selbstporträt mit Flusspferd». Hanser, 2015.

Die Natur des Flusspferds genügt allein sich selbst. Es hat keine soziale Bestimmung. Es frisst, trinkt – und überlebt nur. Und doch ist das Flusspferd mehr: Es ist eine Metapher für das Metaphyische, für das Übernatürliche, das uns Menschen umtreibt. «Das Schattenreich» eben, welches wir nur schwer durchschauen – Teil der Philosophie, der Metaphysik. Weil dieses Tier nichts gemein hat mit unserem zweckorientierten Menschenleben.

Für die vom Flusspferd ausgehenden Schwingungen ist Julian empfänglich auf seinem Weg ins Erwachsenenleben. Da liegt der Schwerpunkt dieses sonst so unspektakulären Romans.

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