Der pensionierte Hunkeler ermittelt wieder – und wird zum Richter

Hansjörg Schneider legt mit «Hunkelers Geheimnis» seinen bisher besten Hunkeler-Fall vor – was daran liegt, dass Kommissär Hunkeler nun pensioniert ist. Als er zu einem Mord im Basler Bankenmilieu ermittelt, wird er plötzlich zur moralischen Instanz: Soll er seine Beweise weitergeben oder nicht?

Hansjörg Schneider sitzt in einerm leeren Publikumssaal auf einem Stuhl. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Hansjörg Schneider hat mit seinem Kommissär eine der bekanntesten Krimifiguren der Gegenwartsliteratur geschaffen Diogenes

Vordergründig ist alles wie immer im neusten und neunten Fall aus Hansjörg Schneiders Hunkeler-Krimireihe: die Stadt Basel mit dem St. Johannquartier und der Mittleren Strasse, das Haus im Elsass, das Restaurant an der Sommergasse, der ignorante Kollege, der opportunistische Chef, Hedwig, das Geklüngel der Mächtigen, die Ohnmacht der anderen.

Es überrascht auch wenig, dass der Fall irgendwie mit den Banken zu tun hat: Die Basler Volksparkasse, unschwer als Basler Kantonalbank (BKB) wiederzuerkennen, ist in Schieflage geraten. Eines der Bankratsmitglieder ist in den USA wegen dubiosen Machenschaften verhaftet worden. Zwei weitere werden ermordet.

Die Opfer sind 68er

Hunkeler kann das egal sein. Er hat familiäre Sorgen. Seine Enkeltochter ist aufgetaucht. Und er hat nicht mal mehr Kontakt zur Tochter. Auch der Umstand, dass es sich bei den Opfern durch die Bank weg um ehemalige 68er handelt, um Linksradikale, die irgendwann die Fronten gewechselt und den so genannten Weg durch die Institutionen angetreten haben, braucht ihn nicht zu kümmern. Er ist ja kein 68er. Er ist allerhöchstens Sympathisant. Und überhaupt: Er ist pensioniert.

Genau das ist neu: Peter Hunkeler, Kriminalkommissär der Kantonspolizei Basel ist ein Ex-Polizist. Er muss nicht mehr. Und das ist auch gut so, denn Hunkeler muss ins Spital und sich dort einer Krebsoperation unterziehen. Nichts Schlimmes. Keine Ableger zum Glück. Aber trotzdem: Es hat geklopft.

Im Bett neben ihm liegt einer dieser Banker. Unheilbar krank. Und trotzdem wird er ermordet. Eines Nachts, Hunkeler hat gerade ein Schlafmittel gekriegt, betritt die Nachtschwester das Zimmer, setzt dem Mann im Bett nebenan eine Spritze, am anderen Morgen ist er tot. Hunkeler weiss nicht, ob er das mit der Schwester geträumt hat oder nicht.

Schon ist er wieder im Dienst

Prompt beginnt er zu ermitteln. Und nicht nur das: Eines Tages ruft sogar der Ex-Chef an und beordert ihn zurück ins Team. Es ginge hier schliesslich um die Rache ehemaliger Genossen an Abtrünnigen. Darum brauche es jetzt ihn, Hunkeler, als früheren 68er mit seinem ganzen Insiderwissen. Schon ist er wieder dabei. Sitzt am Sitzungstisch im Waghof zu Basel, wo es niemanden interessiert, ob er damals nun dabei gewesen ist oder nur Sympathisant.

Aber natürlich ist die ganze 68er-These völliger Blödsinn. Die Ex-Genossen waren es nicht, das ist bald klar. Und klar ist auch, dass der Fall mit einer anderen, noch weiter zurückliegenden Geschichte zu tun hat. Das findet Hunkeler natürlich auch heraus.

Es geht um mehr als die Aufklärung eines Mordes

Jetzt wird es erst richtig spannend. Denn Hunkeler ist nicht mehr Polizist. Es zwingt ihn niemand mehr, sein Wissen Preis zu geben. Es weiss auch niemand, was er weiss. Oder dass er weiss.

So wird der Ex-Polizist zur moralischen Instanz. Er entscheidet, ob ein Mord gesühnt wird oder nicht. Er wird zum Richter. Das macht aus dieser Figur etwas Attraktiveres, Gewichtigeres als bisher. Und es macht aus dem Krimi einen Roman, in dem es um viel mehr geht als um die Aufklärung eines Mordes.

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