Ein «Arztroman» einmal anders

Wer beim «Arztroman» von Kristof Magnusson Halbgötter in Weiss erwartet, die reihenweise Herzen brechen, wird enttäuscht. Der realitätsnahe Roman beweist, dass Geschichten aus dem medizinischen Alltag auch ohne Klischees eine spannende Lektüre bieten.

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Bildlegende: Keine Klischees, sondern möglichst dicht dran an der Realität: «Arztroman» von Kristof Magnusson. Colourbox

Anita Cornelius ist anfang vierzig, lebt seit einem Jahr getrennt von Mann und Sohn und liebt ihren Job: Seit ihr Privatleben ins Wanken geraten ist, flüchtet sie regelrecht in ihre Dienste als Notärztin, und meldet sich sogar freiwillig für den Einsatz an Weihnachten.

Sie ist die Hauptfigur in «Arztroman»; wir Leserinnen und Leser begleiten sie auf ihren Einsätzen kreuz und quer durch Berlin, fiebern mit ihr, wenn sie einen verletzten Teenager aus einem Autowrack bergen oder erstmals einen Kehlkopf-Schnitt vor Ort durchführen muss, weil der lungenkranke Patient es nicht mehr bis zur nächsten Klinik schaffen würde.

Keine spektakulären Notrufe

Aber die meiste Zeit erreichen sie keine spektakulären Notrufe. Im Gegenteil: Am häufigsten alarmieren betagte Leute den Rettungsdienst. Sie leiden unter Atemnot, klagen über einen Druck auf der Brust oder sind über die Schwelle gestolpert. Egal, wer Hilfe benötigt: Anita und ihr Kollege Maic eilen sofort zur Stelle.

Sie sind sogar auch mal bereit, ein Arztprotokoll etwas drastischer zu verfassen, damit der alte, verwahrloste Mann in ein Spital überwiesen werden kann, wo er endlich wieder einmal gewaschen wird und eine warme Mahlzeit bekommt.

Intensive Recherche

Monatelang ist der deutsch-isländische Autor Kristof Magnusson im Einsatzwagen von Berliner Notärzten mitgefahren, hat ihre Diskussionen unterwegs mitgelauscht und ihnen bei der Arbeit über die Schultern geguckt. So wuchs er in dieses Fachgebiet hinein, kannte bald die verschiedenen Namen der Beruhigungsmittel und staunte, mit wie viel Empathie und Mitgefühl die Ärzte auch die harmlosesten Fälle abwickelten.

«Das Schwierigste war danach, all diese Fachausdrücke in eine literarische Sprache zu übersetzen», sagt Kristof Magnusson. Das Buch müsse ja von einem breiten Publikum verstanden werden und nicht von Fachleuten. Und es sollte bei all den Detailinformationen nicht wie ein Lehrbuch daherkommmen. Gleichwohl fordert er das Publikum zuweilen mit seinen akribischen Beschreibungen heraus. Welche einzelnen Handgriffe genau für eine Herzmassage nötig sind, will wohl nicht jeder Leser wissen.

Genaue Milieu-Studien

Schon lange hatte Kristof Magnusson das Thema Medizin mit sich herumgetragen, weil er von seinen Kollegen, die sich zu Ärzten hatten ausbilden lassen, immer wieder die haarsträubensten Geschichten gehört hatte.

Dass er sich dann im Roman für den Rettungsdienst als Fachrichtung entschieden habe, hänge mit dessen Einsatzgebiet zusammen: «Notärzte kommen wirklich in alle Milieus hinein, zu den Armen genauso wie zu den Reichen – und niemand kann vorher aufräumen. Diese Bandbreite hat mich fasziniert; sie schien mir ideal – auch für ein gesellschaftspolitisches Buch.»

Warum der Titel «Arztroman»?

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Buchhinweis

Kristof Magnusson: «Arztroman». Kunstmann, 2014.

«Arztroman» ermöglicht aber nicht nur einen Blick hinter die Kulissen der Notfallmedizin, sondern zeigt uns auch eine Frau in einer Midlife-Krise. Die Notärztin Anita Cornelius scheint am Anfang des Romans noch sehr erschöpft und verunsichert in ihrer neuen Rolle als Single und hat auch mehr als einmal einen peinlichen Auftritt in der neuen Familie ihres Ex-Freundes. Erst während der Lektüre macht sie einen Entwicklungsprozess durch und scheint am Schluss recht zuversichtlich in die Zukunft zu schauen.

Dass er mit dem Buchtitel «Arztroman» das Publikum vordergründig auf eine falsche Fährte lockt, gefällt Kristof Magnusson. Es sei ihm ein Anliegen gewesen, jegliche Klischees zu vermeiden und möglichst nahe an der Realität zu bleiben. Auch wollte er beweisen, dass der ganz normale medizinische Alltag genug Stoff hergibt für einen interessanten Roman.

Trotzdem mögen einige Leserinnen und Leser enttäuscht sein: Wer die herkömmlichen Götter in Weiss erwartet, die reihenweise den Krankenschwestern und Patienten das Herz brechen, wird in diesem Buch nicht fündig.

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