Ein bisschen Pass muss sein: Der Gotthard und die Dichter

Der Gotthard ist mehr als ein Berg. Das spiegelt sich auch in der Literatur. In Helmut Stalders Gotthard-Buch «Gotthard – Der Pass und sein Mythos» ist das gekonnt zusammengefasst. Und zwar so, dass man Lust bekommt, alte Texte wiederzulesen. Oder zumindest, über den Gotthard zu fahren.

Eine Postkutsche in der Kurve einer gepflasterten Passstrasse. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Pferderstärken und Pflastersteine: Bei Goethe suchte sich noch ein Maultier den Weg über den Gotthard. Keystone

Helmut Stalder beginnt in Hospental – also ganz oben. Dort, wo die Wege sich trennen und von wo aus es in alle vier Himmelsrichtungen geht. Dort steht an der Karlskapelle geschrieben:

«Hier trennt sich der Weg,
o, Freund, wo gehst du hin?»

Unzählige berühmte und weniger berühmte Dichter nehmen den Gedanken auf und beschreiben den Gotthard als Kreuzpunkt. Als Mitte Europas, ja, als Mitte der Welt. Symbol dafür ist das Wasser, das von hier aus angeblich in alle Meere fliesst.

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15 Fakten zum Gotthard

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Goethe und die Frauen

Stalder zitiert schöne Bilder, wie das des Urner Landarztes Eduard Renner, der einen Jungen beschreibt, der in seinem mit Wasser gefüllten Hut die ganze Rhone fängt.

Und er zitiert Goethe, der dreimal hier oben war und dreimal nicht nach Italien zieht. Wegen Frauengeschichten, wie Stalder zu berichten weiss.

Ja, Goethe. Er ergänzt das Wasserbild mit einem weiteren Gedanken, der sich mit dieser Stelle verbindet: mit der Italiensehnsucht.

Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn?

Heisst es etwa in der ersten Strophe des berühmten Liedes. Aber eben: Goethe zieht nicht nach Italien. Und darum heisst es in der dritten Strophe auch:

Kennst du den Berg und seinen Wolkensteg?
Das Maultier sucht im Nebel seinen Weg,
In Höhen wohnt der Drachen alter Brut,
Es stürzt der Fels und über ihn die Flut.

Schüsse und Schiller

Und damit sind wir an der Teufelsbrücke. Sehnsuchtsort der Romantik, die das Düstere und Abgründige sucht. Aber auch Schiller begegnet man hier mit seinem Berglied, in dem es heisst:

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Buchhinweis

Helmut Stalder: «Gotthard: Der Pass und sein Mythos». Orell Füssli, 2016.

Es schwebt eine Brücke, hoch über den Rand
Der furchtbaren Tiefe gebogen,
Sie ward nicht erbauet von Menschenhand,
Es hätte sich keiner verwogen.

Hier oben war er nie, der kränkliche Schiller. Das hat Goethe für ihn erledigt. Und er hat ihm eine Geschichte mit nach Weimar gebracht. Die des Jägers, der den Landvogt erschiesst und einen Aufstand auslöst.

In diesem Stück wird der Gotthard vom Schauplatz zum Akteur. Etwa, wenn er den Föhn schickt, der das Schiff auf dem See beinahe zum Kentern bringt. Oder wenn er als Schicksalsweg auftritt, auf dem der Vatermörder Parricida seine Sünden abarbeitet.

Den Weg will ich Euch nennen, merket wohl!
Ihr steigt hinauf, dem Strom der Reuss entgegen.

Sagt denn auch der eine Mörder (Tell) zum anderen (Parricida.) Und ein neuer Mythos kündigt sich hier an: der Mythos der Schweiz als Pass-Staat. In Schillers Stück wird der Pass den Habsburgern entrissen, später zum Symbol des jungen Bundesstaates gemacht.

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Symbol des Ursprungs

Stalder geht weiter. Beschreibt die Blut- und Bodendichter der Zeit um 1900 und die Nachkriegszeit, in der der Gotthard nochmals eine neue Bedeutung bekommt.

Etwa dann, wenn ein gewisser Privatdozent aus Hermann Burgers «Die künstliche Mutter» in einem «Heilstollen» mitten im Gotthard sitzt und seine Psychosen kuriert. Dort wird der Gotthard erneut zum Symbol des Ursprungs. Zum Symbol der Mutter.

Das war 1982. Da ging gerade der Strassentunnel auf. Ob jetzt eine neue Gotthardepoche anbricht in der Literatur? Wir wissen es nicht. Aber was bisher geschah, können wir bei Helmut Stalder lesen.

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