Erinnerung einer Lesesüchtigen Ein Buch über Bücher – und das Glück mit ihnen zu leben

«Glück besteht aus Buchstaben» von Karin Schneuwly ist eine Liebeserklärung ans Buch. Und die Geschichte einer Leserin.

Eine Frau liest im Bett. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Neuer Stoff für Lesesüchtige: Karin Schneuwlys «Glück besteht aus Buchstaben». Photocase/cydonna

Im Wohnzimmer ihrer Eltern stehen gerade mal drei Bücher. Das dickste nimmt die kleine Karin am häufigsten aus dem Regal: Ein medizinisches Handbuch mit Abbildungen von Hautkrankheiten und körperlichen Fehlbildungen. Das aufgeweckte Mädchen fragt sich: Wie ist es, mit elf Fingern zu rechnen?

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Zur Autorin

Die Zürcherin Karin Schneuwly, geboren 1970, ist Texterin und Lektorin. Sie arbeitete zuvor für Verlage und war Co-Programmleiterin im Literaturhaus Zürich. «Glück besteht aus Buchstaben» ist ihr erster Roman.

Fürs Töpfchen und Arztbesuch

Pixi-Bücher sind für eine Familie, die mit wenig Geld auskommen muss, erschwinglich. Mit einem Pixi-Buch bleibt Karin geduldig auf dem Töpfchen sitzen. Wenn sie mit Mumps im Bett liegt, bekommt sie eines. Oder wenn sie zum Zahnarzt muss.

Die Eltern lesen keine Bücher. Lesen sei Zeitverschwendung, finden sie. Die Mutter liest ab und zu das «Gelbe Heft», Ringiers Unterhaltungsblatt, auch wegen der Strickmuster. Doch abends liest sie Karin jeweils eine Gutenacht-Geschichte vor. Pinocchio gefällt ihr am besten.

«Luft zwischen uns»

Das Mädchen beobachtet ihre Mutter beim Vorlesen. In ihrem Erstling « Glück besteht aus Buchstaben» erinnert sich Karin Schneuwly daran.

Mutter liest vor

«Sie las langsam und folgte den Buchstaben mit dem Finger. Sie begann stockend und stolperte anfangs über das eine oder andere Wort. Nach ein paar Seiten verschwand ihre Mühe, dann lebte sie mit der Geschichte.
Ich konnte mich nicht an meiner lesenden Mutter sattsehen. Da war ihr Gesicht, die gesenkten Lider, die vollen Lippen, die das Geschriebene nachformulierten, das Buch auf ihren Knien, der leicht gekrümmte Zeigefinger auf der Seite, da war meine Bettdecke, beleuchtet vom Lichtkegel, da war eine Luft zwischen uns.»

Heidi, Gritli – dann Tolstoi

Die Zürcher Autorin erzählt von ihren ersten Lese-Erfahrungen. Schon als Primarschülerin verschlingt Karin Schneuwly alles, was ihr in die Hände kommt. Auch «Readers Digest»-Bände, die herumliegen und das Buch «Hundert Stellungen», das sie im Kleiderschrank der Eltern entdeckt.

Am meisten interessieren sie Geschichten, in denen das Leben so ist, wie sie es kennt: Bücher, in denen Mütter eine Schürze tragen und zuhause bleiben, während Väter zur Arbeit gehen.

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Buchhinweis

Karin Schneuwly: «Glück besteht aus Buchstaben», Nagel & Kimche, 2017.

In der Sekundarschule fordert eine Lehrerin sie heraus. Sie möchte, dass Karin Tolstois «Krieg und Frieden» liest. Keine einfache Sache, aber eine Erfahrung, die Schneuwly fürs Leben prägt.

Niemandem hinterher lesen

Dass die gierige Leserin Literatur studiert, liegt auf der Hand. Und dass die Studentin einen Nebenjob in der Zentralbibliothek Zürich annimmt, ist auch nicht überraschend.

Dort verliebt sie sich in einen älteren Mann. Um ihn besser kennenzulernen und ihm beim nächsten Treffen die richtigen Fragen zu stellen, vertieft sie sich in die Sachbücher, die er liest.

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Nicht nur für Lesesüchtige

Mehr Schweizer Literatur gibt es auf unserer Literaturplattform «Ansichten».

Nach einer Weile merkt sie, dass sie ihn so nicht erreichen kann. Dass es nicht gut ist, ihm hinterher zu lesen. Dass sie ihre eigenen Bücher lesen muss.

Bis zum letzten Satz

«Glück besteht aus Buchstaben» enthält viel Autobiografisches. Lesesüchtige werden sich darin erkennen. Denn sie wissen, wie es ist, wenn sich das Lesen wie ein Rausch anfühlt – und wenn man mit einem Buch alles rundherum vergisst.

Das passiert mit dem Buch von Karin Schneuwly nicht unbedingt. Aber man liest es gerne. In einem Zug, von der ersten bis zur letzten Seite.

Wiedererkennen wird man sich vielleicht in diesem Satz – dem letzten des Buches: «Die besten Geschichten beginnen nachts, wenn die Bettdecke nach Total riecht und draussen unbekannte Gefahren lauern.»

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