Ein Hörspiel über die Vergänglichkeit der Putzfrau

Wie entsteht eigentlich ein Hörspiel? Ganz einfach, sagt der Autor Hanspeter Gschwend: Hörspiele sind wie Sandbänke, die sich aufschichten und dann wieder weggespült werden. Wie genau er das meint, zeigt er am Beispiel des Hörspiels «Raumpflegestation».

Eine Frau, von der man nur den Körper ohne Kopf sieht. Sie trägt einen Eimer mit Putzutensilien. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ein «Raumpflegeservice» anstelle der Putzfrau: Diese Entwicklung macht der Autor in einem Hörspiel zum Thema. Getty Images

Hörspiele sind Sandbänke: Ein Autor hat ein Thema aufgefischt im Fluss der Ereignisse. Es sammeln sich Dialogfetzen an. Sie verbinden sich zu Szenen und zu einer Geschichte – einer Sandbank. Der Autor hofft, dass einige Hörerinnen, einige Hörer sich auf der Insel auf Zeit niederlassen, hinhören, ein wenig träumen, ein wenig sinnieren. Wenn dies geschieht, ist er glücklich. Dann kommt wieder ein Hochwasser, die Sandbank verschwindet.

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Zur Person

Zur Person

Keystone

Hanspeter Gschwend, geboren 1945, ist ein langjähriger Mitarbeiter von Radio-Hintergrundsendungen zu Politik, Gesellschaft und Kultur. Er schreibt Hör- und Fernsehspiele, Erzählungen, Essays sowie Biographien. Sein Hörspiel «Der Olympiafähndler» erhielt 1997 den «Prix Europa», 2000 wurde ihm der Schillerpreis für sein Hörspielschaffen zugesprochen.

Der Lauf der Dinge

Ist das alles? Ist also die Sandbank spurlos weggeschwemmt? Offenbar nicht ganz. «Raumpflegestation» zum Beispiel ist ein Hörspiel über eine Entwicklung in der Arbeitswelt, die der Autor falsch fand. Hoffte er nicht, eine Aufmerksamkeit zu erregen, die vielleicht da, vielleicht dort den Lauf der Dinge ein wenig beeinflusst?

Der Lauf der Dinge lehrt es anders. Das Unternehmen, in dem der Autor arbeitete, besteht seit bald 85 Jahren. Während über 70 Jahren wurden die Räume des Betriebes von fest angestellten Putzfrauen gereinigt – zuverlässig, diskret und treu.

Die Putzfrau muss gehen

Dann plötzlich wurden sie durch anonymes Personal einer Reinigungsfirma ersetzt, und das Schild an der Tür der Putzkammer wurde ausgewechselt. Die Kammer hiess fortan «Raumpflegestation». Das war vor zwölf Jahren.

Der Autor, ein Frühaufsteher, hatte oft mit der Putzfrau gesprochen, wenn sie im Morgengrauen unsichtbaren Staub von seinem Schreibtisch wischte. Sie verstand nicht, warum sie ihre geliebte Arbeit verlieren sollte. Und es war für die nicht mehr junge Frau schwierig, anderswo das Einkommen zu finden, auf das sie angewiesen war.

Trend ohne Umkehr

Um einen Tisch mit Mikrofon sitzen zwei Männer, zwischen ihnen steht eine Frau mit Staubsauger in der Hand. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Während der Aufnahme des Hörspiels 2003: Klaus Henner Russius, Kolumbina Vujanovic und Felix von Manteuffel (v.l.n.r.). Hanspeter Gschwend

Einem ganzen unsichtbaren Heer von Kolleginnen ging es so. Alle grossen Unternehmen und viele kleine und mittlere entliessen ihre Putzfrauen und ersetzten sie durch die Raumpflegerinnen von Reinigungsunternehmen. Das lag im Trend der Zeit. Angeblich musste man Kosten sparen.

Dass sich die Rechnung nach kurzer Zeit als falsch erwies, spielt keine Rolle: Man war dem Trend gefolgt. Trendumkehr gibt es nicht, nur neue Trends. Bis ein neuer Trend aufkommt, bleibt alles beim Alten. Der neue Trend werden Putzroboter sein, doch die sind noch nicht ganz serienreif.

Das Thema hat an Aktualität also nichts verloren. Und so hat sich eine Produzentin bei Radio SRF erinnert, dass es die Sandbank gab. Sie hat einen Stein in den Fluss geworfen, und daran sammelt sie sich nun noch einmal an.

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