Schweizer Literatur Ein Schwätzer stellt sich für viel Geld der ganz grossen Frage

Ein Milliardär aus dem Silicon Valley bietet für die Antwort auf eine knifflige Frage eine Million Dollar. Ein Rhetorikprofessor aus Deutschland reist deshalb ins Silicon Valley. Und macht dabei existenzielle Erfahrungen.

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Bildlegende: Eine Million Dollar werden im Silicon Valley für eine gute Antwort geboten. Reuters

Seit «Frühling der Barbaren» wartet man gespannt auf das zweite Buch des Schweizer Autors Jonas Lüscher. Die Macht des Geldes und die Finanzkrise waren Thema in seinem Debut. Um Geld geht es in gewissem Sinne auch im neuen Buch mit dem Titel «Kraft». Zumindest ist Geld der Auslöser für die Geschichte.

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Sendehinweis

«Kraft» von Jonas Lüscher ist eines der diskutierten Bücher im «Literatuclub»: Dienstag, 31. Januar, 22:25 Uhr, SRF1.

Ein Internet-Milliardär setzt ein Preisgeld von einer Million Dollar aus für denjenigen Wissenschaftler, der ihm plausibel darlegen kann, warum alles, was ist, gut ist und wie es noch verbessert werden kann.

Ein Schwätzer und Schwafler

Jonas Lüscher schickt seine Hauptfigur, den deutschen Rhetorik Professor Kraft, ins Silicon Valley. Kraft gilt in Wissenschaftskreisen als brillanter Denker und Redner. Er bringt also die Voraussetzungen mit, um bei dem Gelehrtenwettstreit mitzuhalten.

Die Frauen in seinem Leben sehen ihn etwas anders. In ihren Augen ist er ein Schwätzer und Schwafler. Und es ist tragisch, dass er sich der Preisfrage nur deshalb stellt, weil er Geld braucht, um sich aus seiner unglücklichen Ehe frei zu kaufen.

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SRF/Lukas Maeder

Mehr zu lesen und zu hören über Jonas Lüscher gibt's auf unserer Literaturplattform «Ansichten».

Das Kernthema des Buches ist aber ein philosophisches. Eines, das auf den deutschen Philosophen Leibniz und seine Theodizee-Frage zurückgeht. Die Frage: Warum ist Übel in der Welt, wenn es doch einen allmächtigen, allwissenden und allgütigen Gott gibt?

Technik als Bedrohung

Jonas Lüscher, der selber Philosophie studiert hat, weitet die Frage aus. Die moderne Formulierung der Theodizee ist seiner Ansicht nach die «Technodizee». Es geht also nicht nur um die Allmacht Gottes, sondern auch um die Allmacht der Technik.

Vereinfacht gesagt, gestaltet heute der Mensch mit Hilfe der Technik die Welt. Deshalb, meint Lüscher, müssten wir uns fragen, ob die Technik das Übel in die Welt bringe oder ob sie uns davon erlöse.

Eine aktuelle Frage, vor allem für das Silicon Valley, in dem Lüschers Roman spielt. Und die Hauptfigur Kraft – man spürt es von Anfang an – scheitert grandios an dieser Frage. Dies nicht zuletzt, weil im Silicon Valley sein über Jahre aufgebautes Lebenskonstrukt zusammenbricht.

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Beiträge zum Thema

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  • «Dieses Buch ist eine Entdeckung» hiess es in unserer Kritik zu Lüschers erstem Buch «Frühling der Barbaren».

Ethische und politische Fragen

Jonas Lüscher ist ein Autor, der sich in Essays oder bei Auftritten pointiert zu politischen Fragen und Zeitphänomenen äussert. Zwar hat sein Roman keine direkte politische Botschaft – das wäre ihm zu plump – stellt aber grundlegende ethische wie politische Fragen.

Zum Beispiel: Wohin führt der Machbarkeitswahn der Wissenschaftler aus dem Silicon Valley, welche Folgen hat die radikale Marktwirtschaft? Solche Fragen stellt sich auch Kraft. Er, der stramme Wirtschaftsliberale, der einst Thatcher und Reagan verehrt hat, wie man in Rückblenden erfährt.

Spiel mit Nähe und Distanz

Jonas Lüscher urteilt nicht. Seine Erzählinstanz ist ironisch distanziert. Dem Autor ist es wohl mit dieser Haltung. Er sagt, durch die Distanz werde das Spiel mit der Nähe interessanter. Und in einer gewissen Weise schreibe er sich so die Welt vom Leibe.

So beobachtet man als Lesende leicht belustigt diesen Rhetorik-Professor Kraft, der sich bei der Suche nach einer Antwort bei Philosophen und Theoretikern aller Art bedient, alles zusammenmixt und dabei böse ins Rotieren kommt.

Dabei stösst Kraft mit seinem europäischen Pessimismus auf den Techno-Optimismus der jungen Wissenschaftler und Start-Up-Unternehmer im Google/Facebook-Land.

Zu viel gewollt?

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Buchhinweis

Jonas Lüscher: «Kraft». C.H.Beck, 2017.

Diese ironische Distanz hat ihren Reiz, aber sie lässt die Leser auch etwas ratlos zurück. Man weiss nicht, soll man den Roman als Satire auf den Wissenschaftsbetrieb lesen, als Parodie auf das Silicon Valley, als Gesellschaftskritik oder einfach als philosophische Spielerei.

Vielleicht hat Jonas Lüscher etwas zu viel gewollt. Ein Lesevergnügen ist der Roman aber trotzdem. Denn das Buch ist brillant geschrieben und an einigen Stellen umwerfend komisch. Und dann ist ganz einfach die Kernfrage des Romans eine gute Idee.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, 52 beste Bücher, 29.1.2017, 11.03 Uhr.

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