«Berühre mich nicht» Eine Frau verschwindet

Andrea Camilleris Roman kommt wie ein Krimi daher: Es gibt einen Kommissar, eine Vermisste und Anzeichen für eine Leiche. Tatsächlich ist es aber das Porträt einer Frau.

Eine verschwommene Frau am Strand. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Eine Frau verschwindet spurlos. Doch das ist nur vordergründig das Thema. Imago/Westend61

Es geht um Laura: Jung, schön, intelligent und verheiratet mit einem dreissig Jahre älteren Schriftsteller. Eines Tages verschwindet sie. Kurz vor der geplanten Veröffentlichung ihres ersten eigenen Romans.

Der sizilianische Krimi-Autor Andrea Camilleri. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der sizilianische Krimi-Autor Andrea Camilleri. Imago/Granata Images

Ein Werbe-Gag, sagt die neidische Literatenszene. Doch Laura bleibt verschwunden. Genauso wie ihr Manuskript.

«Noli me tangere»

Die Kriminalpolizei wird eingeschaltet. Ein Commissario recherchiert und telefoniert dabei auch mit Lauras ehemaligem Doktorvater in Bologna.

So erfährt er, worüber die Kunsthistorikerin einst geforscht hat. Über das Bibelzitat «noli me tangere», «berühre mich nicht», und seine Darstellungen in der Malerei der italienischen Renaissance.

Eine Frau entzieht sich

Diesen Satz aus dem Johannesevangelium soll Jesus zu Maria Magdalena gesagt haben, er könnte durchaus auch «fass mich nicht an» heissen. In Camilleris Roman steht das Zitat für Laura.

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Zum Autor

Andrea Camilleri ist ein sizilanischer Autor. Seine bekanntesten Bücher sind die Commissario-Montalbano-Krimis, in denen «ein sympathischer sizilianischer Macho Korruption und Mafia bekämpft, während ein geistreicher sizilianischer Autor Blödheit und Borniertheit der Leute anprangert» – so SRF-Literaturredaktor Michael Luisier.

Für eine Frau also, die sich so oft hat berühren lassen – man könnte auch das viel vulgärer formulieren –, dass sie die Leere, die so in ihrem Leben entstanden ist, nicht mehr aushält.

Es gibt keinen Mord

Sie beschliesst, sich fortan nicht mehr berühren zu lassen, sondern berührt zu sein. Von Mitmenschen in Not, von einer Aufgabe, von einem sinnvollen Leben.

So verschwindet sie aus ihrem bisherigen Leben zwischen Sexabenteuer und Literaturszene und flieht an einen Ort am anderen Ende der Welt, an dem sie ihr neues Leben tatsächlich leben kann.

Der Kommissar erkennt das als einziger und lässt sie gehen. Was will er auch sonst tun? Es gibt ja keinen Mord.

Typisch: Camilleri wagt was

All das ist typisch für Andrea Camilleri. Die schöne Frau, die erotischen Verstrickungen, der vorgetäuschte Krimi, der menschenfreundliche Kommissar. Dieses vermeintlich Oberflächliche und Leichte also, das nur dazu dient, das Tiefe und Existenzielle der Figuren und Geschichten klarer hervortreten zu lassen.

Noch etwas ist typisch für Camilleris Romane ohne seinen erfolgreichste Figur Commissario Montalbano: das formale Experiment.

Bestehen frühere Romane wie «Die sizilianische Oper» oder «Streng vertraulich» aus Zeitungsartikeln und Akten oder «M wie Mafia» aus Fresszetteln, mit denen der sizilianische Mafiaboss Bernardo Provenzano aus seinem Versteck heraus mit seinen Mitmafiosi kommuniziert hat, so besteht «Berühre mich nicht» ausschliesslich aus direkter Rede. Dialoge, ein paar Briefe, eine Erklärung.

Auf der Höhe seines Könnens

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Buchhinweis

Andrea Camilleri: Berühre mich nicht, Hanser, 2017.

Sogar der Kommissar findet den Schlüssel zum vermeintlichen Fall in einem Dialog: Beim Lesen eines Theaterstücks von T.S. Eliot, in dem es um die Frage geht, wann ein Leben sinnvoll ist und wann nicht.

Das ist gut – und einzigartig. Und all das zusammen zeigt einmal mehr, dass Camilleri mehr ist als der Verfasser einer Erfolgskrimireihe. Er ist ein Schriftsteller, der alles kann, und der mit seinen 92 Jahren ganz offenbar immer noch auf der Höhe seines Könnens ist. «Berühre mich nicht» – ein Camilleri at its best!

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur Aktuell, 23.8.2017, 16:50 Uhr