Eine Gotthard-Wanderung für die Ohren

Das Gotthardmassiv ist ein Urschweizer Mythos – vielbeackert und fest verankert im kollektiven Gedächtnis. Die Autorinnen Gesine Dankwart und Beatrice Fleischlin haben Mythos und Gestein, Menschen und Phantasieräume erkundet. Zurück kommen Sie mit sechs akustischen Reisehighlights.

Mit offenen Ohren über den Gotthard wandern: Das war vergangenen Sommer das Ziel der Autorinnen Gesine Danckwart und Beatrice Fleischlin. Letztere wanderte als Kunstfigur Trixie: Ausgestattet mit Webcam auf dem Kopf, konnten Userinnen und Usern übers Internet deren Route mitbestimmen.

Materialrecherche für das Hörspiel

Auf ihrer Wanderung über das Bergmassiv sammelten die Autorinnen täglich Geschichten, Bilder und Töne. Mal waren sie gemeinsam unterwegs, mal getrennt. Ihr Ziel war aber stets das gleiche: Material zu sammeln für das Hörspiel «Bergblaumachen».

Sechs Highlights aus dieser Gotthard-Überquerung können Sie hier nun nachlesen und -hören.

    • 1.
      Trixie und Kuh Dalia

      Schattdorf: Trixie posiert in ihrer Avatar-Tracht mit einem preisgekrönten Schwinger neben der Kuh Dalia. Oder dem Rind. Jedenfalls einem geschmückten Lebendpreis. Natürlich gibt es im Gabentempel auch Kettensägen und Pokale und alles, was sich ein Schwinger nur wünschen kann. Viel später wird jemand im Netz das Bild sehen und leider feststellen: «Liebe Trixie, toll, aber die Kuh hat eindeutig die bessere Modeberatung!» Am nächsten Tag geht’s durch den Regen nach Erstfeld.

    • 2.
      Im Chinarestaurant

      Wir sind im Transitland, in Erstfeld. Es ist frühmorgens. Wir sind in einem Hotel gelandet, in dem wohl ausschliesslich Chinesen übernachten. Überall sind chinesische Schriftzeichen, wir werden von Frühsport und den aufgeregten Rufen der Reiseleitung geweckt. Zum Frühstück gibt es Reis und kontinentalen Toast. Wir wechseln das Restaurant und stärken uns in der Bahnarbeiterkantine gegenüber – Brötchen und Geschichten übers Tal. Dann wandern wir los...

    • 3.
      Eine abenteuerliche Wanderung

      Gestärkt dank der Bahnarbeiterkantine wandern wir am Fluss und unter und neben und über Strassen und Unterführungen. Treffen eine «Dütsche», werden bewirtet von einer Einwohnerin, bekommen Bergkristalle geschenkt und verirren uns tatsächlich beim Versuch wieder nach Silenen zu gelangen. Zu guter Letzt verliere ich schliesslich sogar Trixie. Auf dem Handydisplay sehe ich stumm, dass sie in einem Lokal gelandet sein muss. Ich zeige den wenigen Silenern, die draussen unterwegs sind, das Bild – und lande schliesslich richtig im vollbesetzten Dorfbeisl. Trixie hat schon den Stammtisch erobert. Wir hören Geschichten von Hunger und Armut. Am Ende des Tages grosse Belohnung durch Alphornblasen, oben am Berg. Ganz und gar schön kitschige Postkartenempfindung. Aber das ist ja echt!

    • 4.
      Zu Besuch beim Teufel

      Wo geht es denn zur Teufelsbrücke? Wir müssen an einer stark befahrenen Strasse zurückwandern, immer verwundert betrachtet von den an uns vorbei jagenden Autofahrern. Wir jodeln, um uns Mut zu machen. Ja, es gibt Menschen, die diesen Weg gehen. Und nein, wir springen nicht. Wir kehren zum Städtchen zurück und lernen dort einen älteren, sehr gut erhaltenen Herrn kennen, der vor seinem Haus fegt. Er erklärt uns nicht nur so einiges über neue Bauvorhaben und frühere Revolutionen, sondern er hat auch den Schlüssel für eine kleine Kirche direkt hinter den Häusern. Erste Einstimmung auf den Fronleichnam morgen früh.

    • 5.
      Das Maschinenmonster

      Durch 57 Kilometer Bergmassiv haben sich diese Maschinen geackert und stehen jetzt im stolzen Rost auf dem Festgelände bei Pollegio. Heute wird die Eröffnungsfeier des Gotthard-Basistunnels geprobt in Nord und Süd – immer gleichzeitig, gespiegelt. Wir schauen mit den Dorfbewohnern bei der letzten Probe zu und stossen auf der Piazza mit Aperitif an: auf Dialekte und Verständigung trotz Sprach- und anderer Barrieren! Im Norden bei den offiziellen und inoffiziellen Festen treffen wir einen traurigen Gemeindevorsteher in Erstfeld. Wieder eine Transitverschiebung. Viel später kehren wir nochmal nach Biasca und Pollegio zurück. Das Festgelände ist komplett abgebaut. Das Monument des Maschinenmonstrums ist geblieben.

    • 6.
      Hospiz in der Morgensonne

      Es ist geschafft! Wir sind endlich auf dem Pass gelandet, ganz oben im Nirvana. Wir übernachten in einem historischen Hospiz. Eben waren wir noch in der Spätsommersonne im Tessin und jetzt in eisigem Nebel. Nachts öffnet sich der Himmel zu einer tiefschwarzen Sternendecke. Am nächsten Morgen machen sich tapfere Wanderer bereit in die Kälte hinauszusteigen, später in strahlender Sonne kommen die Autotouristen. Wir landen richtig tief im immer wieder umkreisten Bergmassiv, im Reduit. Zurück geht es mit dem Postbus. Adieu, Adies, diese Reisestrecke liegt hinter uns. Wir wollen wiederkommen.

Lust auf mehr Gotthard? Am 11. und 12. Dezember zeigt SRF das TV-Highlight «Gotthard» – ein Spielfilm, der die dramatische Geschichte des Tunnelbaus von 1882 erzählt.

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