Eugen Ruges Novelle «Cabo de Gata» über die Liebe zu einer Katze

Vor zwei Jahren gewann Eugen Ruge mit «In Zeiten des abnehmenden Lichts» den Deutschen Buchpreis. Nun legt er seinen zweiten Roman vor. In «Cabo de Gata» beschreibt er einen erfolglosen Schriftsteller auf der Suche nach sich selbst.

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Bildlegende: Nach «In Zeiten des abnehmenden Lichts» erzählt Eugen Ruge mit «Cabo de Gata» die persönliche Geschichte einer Suche. Tobias Bohm

Es ist ein Detail, das die Flucht auslöst. Eine Situation in einem Strassencafé in Prenzlauer Berg. Am Nebentisch sitzen ein paar Neuberliner, Geschäftsleute, Wessis mit grosser Klappe und grossen Plänen, mit denen unser Held nichts mehr zu tun haben will.

Und es sind ein paar wirkliche Probleme, die diese Flucht überhaupt zur Option werden lassen: eine gescheiterte Beziehung zu einer berechnenden Frau, ein überdominanter Vater und vor allem eine schier unlösbare Schreibblockade. Denn unser Held ist Schriftsteller, der den ersten Satz nichts aufs Papier bringt. Seit Wochen. Und jetzt, nach dieser Begegnung im Prenzelberger Strassencafé steht der Entschluss fest: Der Schriftsteller verlässt Berlin, verlässt sein bisheriges Leben und geht nach Süden, in ein Land mit dem unendlich exotischen Namen Andalusien.

Schaffenskrise in der Wüste

Aber das Problem bei solchen Fluchten ist ja, dass man sich selber mitnimmt. Und so geht es auch Ruges Schriftsteller. Jetzt sitzt er an der spanischen Mittelmeerküste in einem Fischerdorf namens «Cabo de Gata». Es ist Januar und kalt. Dann Februar, dann März. Und der erste Satz steht immer noch nicht auf dem Papier. Wohl schreibt er, täglich mehrere Stunden sogar, aber nichts hat Bestand. Nichts genügt. Nichts wird die ersehnte erste Urzelle des Romans, in der alles schon angelegt ist: Tonart, Haltung, Geschichte.

Der Schriftsteller scheitert. Und auch sonst ist Krise. Das ersehnte andalusische Paradies entpuppt sich als Wüste. Kontakte bleiben aus. Das einzige Wesen, mit dem eine Art von Beziehung entsteht, ist eine Katze. Nicht gerade lustig.

Das Scheitern als Gewinn

 

Und dennoch: «Cabo de Gata» ist kein düsterer Roman. Im Gegenteil. Schon mal inhaltlich, denn der Schriftsteller kommt reicher aus Andalusien zurück, weil er im Scheitern zu sich selber findet. Und auch formal, denn der Roman ist leicht und humorvoll. Und er hat Distanz, denn er erzählt die Geschichte aus einem zeitlichen Abstand von fast zwanzig Jahren, in denen der ehemals erfolglose Schriftsteller offenbar erfolgreich geworden ist.

Und damit sind wir bei Ruge selbst, der mit seinem ersten Roman den deutschen Buchpreis gewonnen hat. Jetzt schreibt er einen zweiten über die Krise und findet so seine Antwort auf den Erfolg. Und das ist nur logisch, denn für ihn ist trotz Buchpreis die Krise der Normalzustand des Schriftstellers. Dass dabei ein eigenständiger, feiner, stiller, humorvoller und tiefer Roman herausgekommen ist, soll hier aber nicht verschwiegen werden. Im Gegenteil. Denn «Cabo de Gata» ist auch ganz ohne den erfolgreichen Erstling in erster Linie ein grossartiger Roman.

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