Feiern, trinken, schlagen, leben: Serhij Zhadans Totentanz

Serhij Zhadan beschreibt seine Heimatstadt Charkiw: Die Menschen leben im Niemandsland zwischen Postsowjetismus und halber Unabhängigkeit. Es geht um das gefährdete Leben und die Liebe als erhofftes Gegengift gegen Streit und Hass. Dass dieser Überlebenskampf politisch ist, versteht sich von selbst.

Ein Platz mit einer Leninstatue, im Hintergrund Hochhäuser. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: In seinem neuen Roman «Mesopotamien» porträtiert Serhij Zhadan die Menschen von Charkiw und ihre Nöte – radikal human. Flickr/Maria Savenko

Vor dem Hintergrund des drohenden Bürgerkriegs ringen die Figuren im Roman «Mesopotamien» um letzte Reste von Lebenssinn. Es herrscht Stillstand im heutigen Babylon, wie Serhij Zhadan seinen Schauplatz nennt. Charkiw ist zwar eine Millionenstadt mit rund 40 Universitäten und viel Kultur. Aber dies ist jetzt Nebensache.

Wo keiner mehr Aussichten hat auf ein besseres Leben, wie es sich die Menschen nach der Wende erhofften, herrscht Lähmung. Die Figuren trauern eher der Vergangenheit nach. Alles dreht sich im Kreis. Und doch mobilisieren die Protagonisten zuweilen Energieanfälle, die Bewegung in die degenerierte Romangesellschaft bringen könnten. Nur verpufft dies.

Charkiw liegt in Absurdistan

«Mesopotamien» ist zwar ein Episodenroman in neun Kapiteln mit je einem neuen Protagonisten im Zentrum. Aber diese klare Struktur schafft nur wenig Orientierung für die Leser. Im Gegenteil. Es werden unzählige Intermezzi und Abschweifungen erzählt. Da ist zwar viel Feuerwasser drin. Aber auch Rauch von den zahllosen Petarden, die Zhadan zündet. Man weiss oft nicht, wo einem der Kopf steht. So etwas nachzuerzählen ist ein Ding der Unmöglichkeit.

Porträt Serhij Zhadan. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Serhij Zhadan (geboren 1974 in Starobilsk) ist nicht nur Autor, sondern auch Rockmusiker und Politaktivist. Imago/Russian Look

Diese Vielfältigkeit schliesst jedoch nicht aus, dass einzelne Highlights «nachleuchten». Marat, früher angeblich Boxer, ist erschossen worden. An ihn erinnert man sich gern. Er ist zu Sowjetzeiten im kaukasischen Trainingslager getürmt. Mit einer jungen Frau, die er dort «aufgerissen» hat. Aber Marat ist nun tot: «…hinter dem Sarg mit dem VW-Bus liefen Strassenhunde her wie eine Ehrenwache, und ab und zu fielen sie die schwarzen Reifen des Leichenwagens an, als ob sie Marat nicht ins Totenreich entlassen wollten. Über den Friehof zogen festliche Scharen … und stiegen ins Tal hinab, das von den Regenmassen überflutet wurde, feierten wie es nur ging und mischten Alkohol mit Regenwasser.» Babylon-Charkiw liegt in Absurdistan. Da jedenfalls, wo es schrill und schräg zu- und hergeht.

Hauptdarsteller Alkohol

Der Alkohol ist erster Hauptdarsteller in diesem Wirrwar um gebrochene Schwüre, Glaubenssätze und Verheissungen des ausufernden Figurenarsenals. Die Droge Alkohol gehört zur Grundversorgung aller. Wie Wasser und Brot.

Zweite Hauptdarstellerin ist die Gewalt. Kommen zwei Männer zusammen, dann fliegen gleich die Fäuste.

Schliesslich ist da noch die Liebe. Da sind die Machos meist auffallend kleinlaut. Die Frauen halten Männer in Sachen Sex an kurzer Leine. Sei es, weil sie durch Schaden klug geworden sind, sei es weil grosse Gefühle auf diesem schwankenden Parkett keinen Platz haben. «Wir tragen die Liebe in uns wie eine Schuld», beklagt der Erzähler einmal. So kommt es halt, dass eine Friseurin Marat einmal eine Schere in den Leib rammt oder dass er Bissspuren davonträgt nach Liebesnächten mit einer mageren, kleinen Frau.

Politischer Roman ohne Politik

Politik und Gesellschaft können in diesem Breitwandepos nicht am Konkreten festgemacht werden. Es ist vielmehr ein lähmender Zustand, welchen Zhadan herausarbeitet.

Diese Gesellschaft im Angesicht des Bürgerkriegs leidet daran, dass die Menschen zu wenig Wärme und Empathie füreinander aufbringen können, damit sich das Soziale besser organisieren liesse. Kommt hinzu, dass im Osten schon Mörserlärm als Vorbote des Kriegs zu hören ist.

Wir sind noch am Leben!

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Buchhinweis

Serhij Zhadan: «Mesopotamien». Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe, Juri Durkot und Sabine Stöhr. Suhrkamp, 2015.

Die Menschen versuchen sich irgendwie im Alleingang durchzuschummeln. Dies ist umso schwieriger, wenn die staatlichen Organe so schwach sind wie die Bürgerinnen und Bürger selbst.

Und doch würde es der Autor wohl weit von sich weisen, dass in diesem eigenwilligen Roman der Hoffnungslosigkeit verteidigt würde. Der Erzähler bedankt sich bei der Stadt «Mesopotamia»: «Alles, was ich über diese Stadt wusste, wusste ich von ihr. Sie hatte mir eine Menge unwahrscheinlicher Geschichten erzählt.»

Davon profitieren auch wir Leser. Und deswegen liest sich dieses Geschichtenlabyrinth wie eine Selbstvergewisserung: Wir sind noch am Leben! Dies ist Zhadans unüberhörbarer Zwischenruf.

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