Gauner, Piraten, Diebesgesindel – damals und heute

Der Schriftsteller Lukas Hartmann hat schon eine ganze Reihe von Romanen veröffentlicht, die historische Ereignisse aufarbeiten. Im letzten Jahr erschien «Räuberleben», die Geschichte des Gauners Hannikel, die nun als Hörspiel vorliegt. Im Interview erklärt Hartmann, wie er mit Historischem umgeht.

Gerippe im Kerker. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Realität vs. Fiktion: Der reale «Räuberhauptmann» wurde verfolgt und dämonisiert, der literarische zum Helden gemacht. Colourbox

Herr Hartmann, woher kommt Ihr Interesse für das Historische?

Ich hatte schon früh ein Interesse dafür, woher wir kommen, was uns prägt und welchen Platz wir in der Generationenkette einnehmen. Immer wieder habe ich festgestellt, dass es elementare Formen von menschlichem Verhalten gibt, die sich wiederholen. Der Geschichtsunterricht in der Schule und an der Uni schien mir aber blutleer. Es ging um Fakten und nicht um Menschen mit Stärken und Schwächen. Ich bin immer auf der Suche nach den kleinen hinter den grossen Geschichten.

Wie gehen Sie konkret vor, wenn Sie historisches Material aufarbeiten?

Portrait Lukas Hartmann Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Erzählt Geschichte und Geschichten oder erfindet Geschichte: Lukas Hartmann. Keystone

Zuerst sauge ich alle Fakten auf, unterhalte mich mit Fachleuten und lasse Schauplätze auf mich wirken. Daraus ergibt sich ein Gewebe aus vielen Fäden, dessen Lücken ich vervollständige und in das ich mein Muster einwebe. Das Füllmaterial muss passen, weil ein schlüssiges Ganzes entstehen soll und zwar nach dem Motto: So könnte es gewesen sein.

Wie sind Sie auf die Geschichte von Räuber Hannikel gestossen?

Mit Räubern und

Räuberbanden habe ich mich schon lange beschäftigt, vor allem mit denen im späten 18. Jahrhundert. Aber das Thema werden wir ja auch heute weltweit nicht los. Ich denke an die Bandendiebstähle bei uns, an die somalischen Piraten, an die Raubzüge von Ausgestossenen in Indien.

Vor ein paar Jahren fand ich zufällig in einem Antiquariat ein Buch über die Räuberbanden zwischen Neckar und Bodensee. Es war eine Sammlung zeitgenössischer Quellen, in denen Räuberfiguren wie die «Alte Lisel», der «Sonnenwirt», dem Schiller seine Novelle «Der Verbrecher aus verlorener Ehre» widmete, der «Konstanzer Hans», der «Schwarze Veri» vorkamen. Am meisten faszinierte mich die Geschichte des Zigeuners «Hannikel», die der Pfarrer Wittich in moralischer Entrüstung und mit rassistischen Untertönen nacherzählte.

Zusatzinhalt überspringen

Buchhinweis

Lukas Hartmann: «Räuberleben». Diogenes, 2012.

«Hannikel», eigentlich Jakob Reinhardt, machte während beinahe zwanzig Jahren mit seinen Getreuen den «Wilden Südwesten» unsicher, brach vor allem bei reichen Juden und in Pfarrhäusern ein. Erst der Ehrenmord an einem Sinto, der württembergischer Grenadier geworden war, führte dazu, dass Hannikel regelrecht verfolgt wurde. Er floh in die Schweiz, wurde in Chur gefasst, im Triumphzug nach Sulz am Neckar gebracht und dort mit drei anderen Rädelsführern vor den Augen seiner Familie hingerichtet.

Ein dramatischer und vielschichtiger Stoff, das merkte ich gleich. Er liess mich nicht mehr los, und so begann ich mit einer gründlichen Recherche zu den Figuren und den Zeitumständen.   

Was hat Sie daran interessiert?

Vieles. Zuerst der soziale Hintergrund der «Räuberei», sowie die Lebenssituation der «Zigeuner», es waren hauptsächlich Sinti, und der «Jauner», der Jenischen. Sie hatten in der vorrevolutionären Gesellschaft kaum eine Chance, eine bürgerliche Existenz zu begründen. Sie waren Papierlose, hatten kein Heimatrecht.

Sie wurden herumgeschoben, aus den Territorien, in denen sie zeitweise Zufluch suchten, ausgewiesen und entwickelten oft, um zu überleben, eine starke kriminelle Energie.

Der reale «Räuberhauptmann» wurde verfolgt und dämonisiert, der literarische hingegen, wie im Erfolgsroman «Rinaldo Rinaldini» des Goethe-Schwagers Vulpius, zum Helden gemacht. Die Wirklichkeit war, denke ich, viel armseliger und trauriger, als die romantische Phantasie es haben wollte. 

Aber auch das Handeln der Gegenseite, der Staatsgewalt, wird von Ihnen ausführlich beleuchtet.

Ja, auch die Seite der Verfolger hat mich interessiert, allen voran der Oberamtmann von Sulz am Neckar, Georg Jacob Schäffer, der berühmteste «Räuberfänger» seiner Zeit. Er hat damals als Erster systematisch Hunderte von Steckbriefen zu Fahndungslisten erweitert und sie grenzüberschreitend herumgeschickt. Er war obsessiv in seinem Drang, das «Gelichter» und «Diebsgesindel» auszurotten. Und in Württemberg kamen solche Menschenjagden auch dem Landesherrn zustatten. Sie lenkten davon ab, in welchem Ausmass der Herzog Karl Eugen das Land ausplünderte, um seinen verschwenderischen Lebensstil zu finanzieren.

Wie sind Sie in Ihren Recherchen vorgegangen? 

Zeichnung des Räuberhauptmanns Hannikel, wie ihn sich Lukas Hartmann vorstellt Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Hauptfigur aus Lukas Hartmanns Roman. Diogenes Verlag

Ich habe mir Schäffers Gauner- und Diebslisten genau angeschaut und damit mein Vorstellungsvermögen enorm anregen können. Ich habe mich so genau wie möglich über die Zeitverhältnisse informiert, über das Zucht- und Waisenhaus in Ludwigsburg, über die Schlösser rund um Stuttgart, über die Geschichte der Sinti und Roma in Deutschland, über die Hinrichtungspraktiken usw.

Dazu bin ich gereist, habe mit Fachleuten geredet, mein Notizbuch vollgekritzelt mit Fragen, Fakten, Zeichnungen. Und so hat sich allmählich die Form des Romans ergeben, haben sich die Perspektiven herausgebildet, aus denen ich erzählen wollte. 

Was haben Sie hinzu erfunden?

Der ganze historische Hintergrund mit den äusseren Ereignissen ist authentisch beschrieben. Einzelne Figuren, die in den Quellen bloss als Namen auftauchen, habe ich ausgestaltet, ihnen ein eigenes Leben gegeben. Über den Schreiber des Oberamtmanns Schäffer zum Beispiel ist nichts Weiteres bekannt.

Er wird bei mir zu einer Hauptfigur, nimmt widerwillig teil an der Jagd auf Hannikel, er protokolliert die Verhöre, er ist ein Mitläufer, der nie offen zu rebellieren wagt. Und er setzt sich auf versteckte Weise für Dieterle ein, den jüngsten Sohn Hannikels. Auch über Dieterle weiss man wenig, ausser dass er ins Waisenhaus nach Ludwigsburg gebracht wurde und von dort aus fliehen konnte.

Aus Dieterles Sicht erzähle ich die Ereignisse auf Hannikels Flucht in die Schweiz, beschreibe den Zusammenhalt des Clans. Das ist alles imaginiert.

Es gehört zum Wesen des historischen Romans, dass er danach fragt, wie es gewesen sein könnte, und das widerspiegelt den subjektiven Zugang des Autors zum Stoff.

Was «wahr» ist, hängt nicht bloss von den Quellen, den reinen Fakten ab. Der komplexen «Wahrheit» historischer Ereignisse kann man auch mit Hilfe der Intuition nahe kommen, davon bin ich überzeugt.

Sendungen zu diesem Artikel