Gerichtsreportagen eines schreibenden Rebellen

Uwe Nettelbeck war Filmkritiker, Musikproduzent, Autor, Herausgeber einer Zeitschrift – und Gerichtsreporter. Jetzt werden seine Prozessberichte aus den späten 1960er-Jahren erstmals als Buch aufgelegt: Eine Entdeckung.

Blick durch einen Türspalt in einen Gerichtssaal. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Nettelbeck schrieb keine gewöhnlichen Gerichtsreportagen. (Symbolbild) Colourbox

Uwe Nettelbeck schreibt in seiner Zeitschrift «Die Republik» über Strafverfolgung, ihre Geschichte, ihren Apparat und ihre Exponenten. Mehrere Ausgaben widmet er der «Sittengeschichte des Erkennungsdienstes». Diese nennt er, angelehnt an die französische Comicfigur, «Fantômas».

Als «Fantômas» 1979 gesammelt als Buch herauskommt, ist Uwe Nettelbecks kurze Karriere als Gerichtsreporter schon wieder beendet. Seine Prozessberichte erschienen zwei Jahre lang in der «Zeit». Sie hatten Aufsehen erregt, nach innen und nach aussen. In seinen elf langen, literarischen Reportagen geht es um Grundsätzliches. Um den «Spielplan des Gerichts» beispielsweise, um den Gerichtssaal als Ort der Fiktionen. Um Wünsche, Erwartungen, Mutmassungen. Und um all das, was sonst zwischen den Beweismitteln Platz hat.

Der Wahrheit auf der Spur

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Buchhinweis

Uwe Nettelbeck: «Prozesse. Gerichtsberichte 1967-1969». Suhrkamp 2015.

Nettelbeck berichtet von grossen Prozessen der Nachkriegszeit und von solchen, die längst vergessen sind. Vom Berliner Prozess gegen die «Kaufhausbrandstifter» um Andreas Baader und Gudrun Ensslin genauso wie vom Verfahren gegen Ursula Kablau, eine Mutter, die ihr Kind getötet haben soll: «Aus dem Tötungsfall zum Nachteil des Kindes Beate wurde auch ein Ermittlungsfall zum Nachteil der Frankfurter Kriminalpolizei», notiert Nettelbeck im Frankfurter Gerichtssaal.

Uwe Nettelbeck beschäftigen die Methoden der Wahrheitsfindung. Er verfolgt ihre Spuren. Welche Mechanik waltet vor Gericht? Welche Sentiments und Ressentiments sind längst da, wenn der Prozess beginnt? Welche Vorurteile, die so zeittypisch sind, dass sie keine objektive Verfahrenslogik ausschliesst?

Im Zweifel für die Angeklagte

Nettelbeck zeigt es am Prozess gegen Jürgen Bartsch, den «Kirmesmörder», eine der spektakulärsten Strafsachen der Bonner Republik. Oder an der «Geschichte vom Mädchen, das dem Leben nicht gewachsen war». Wie in Alexander Kluges Spielfilm «Abschied von gestern» sucht hier eine Person das Glück im Westen, das sie nicht findet. Im Zweifel für die Angeklagte, das ist Nettelbecks Haltung, auch hier.

Brillant ist Uwe Nettelbeck als Ideologiekritiker und als Stilist. Gern zitiert er die Sprachen der Justiz und verwendet ihre Zitate gegen die Zitierten. Sätze wie bei Kleist sind die Folge. Nettelbeck weiss tatsächlich, sie zu prägen. Das ist seine Methode. Sie stammt von Karl Kraus, der Montage und Notiz als erfindet, in der «Fackel» erprobt und in seinem grossen Justiz-Essay «Sittlichkeit und Kriminalität» durchführt.

Rebellischer Popkritiker

Uwe Nettelbeck ist einer der ersten Popkritiker im Feuilleton. Vor den Prozessberichten schreibt er über Filme und ein paar andere Dinge, die damals am Rand liegen. Über die Regisseure Jean Pierre Melville und Sam Peckinpah, Literatur und Plattenkritiken. Er ist ein Star und Rebell.

Ein letzter Prozessbericht bringt den Ausstieg, als die Chefredaktion der «Zeit» ihm eine politisch begründete Abmahnung zustellt. Ein paar Jahre produziert er die Rock-Avantgarde Band «Faust». Durch ein Erbe unabhängig, schreibt er bald danach nur noch in seiner eigenen Zeitschrift – über drei Jahrzehnte lang, bis zu seinem Tod 2007.

Der Fantômas der Literatur ist verschollen. Seine Gerichtsreportagen sind wieder da. Man kann den Verlust jetzt noch einmal empfinden.

Sendung: SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 7.08.2014, 16:20 Uhr