«Gib mir etwas zu schiessen!» – William S. Burroughs würde 100

Sein Leben und seine Bücher sind ein böser Witz, voller Waffen, Drogen und geflügelter Worte, derer sich die Pop-Kultur bediente. Am 5. Februar 2014 wäre der Patriot, Bürgerschreck und Beatnik-Autor William S. Burroughs 100 Jahre alt geworden. Ein Mann, der Epoche machte.

Burroughs mit Hut und Waffe Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: William S. Burroughs: Patriot, Bürgerschreck, bisexueller Waffennarr, Freak, Heroin-Junkie und ein grosser Literat. Keystone

Ein Mann, ein Bild. Ein Foto in hundert Varianten. Ein alter Mann zumeist, hager, kalt, melancholischer Blick, in Anzug und Krawatte, den Hut auf dem Kopf. Und Waffen: Gewehre und Revolver. Immer wieder. Gewehre und Revolver: «Gib mir etwas zu schiessen!» – Das Fixerbesteck und die Schreibmaschine.

Immer ist er auf der Suche nach der «Magischen Kugel», der «Magic Bullet». Seine Lieblingswaffe ist eine 38er Smith & Wesson. «Waffen und Drogen, das erschreckt die Leute», sagt die Performance-Künstlerin Laurie Anderson über William S. Burroughs.

Der Film im Kopf

Dazu seine Stimme. Ein unverwechselbarer vernuschelter Singsang. So bleibt er im Gedächtnis, der Mann aus St. Louis, Missouri, der bisexuelle Waffennarr und Freak, Dichter und Heroin-Junkie William S. Burroughs. Der Erneuerer der amerikanischen Literatur auf seiner irrlichternden Lebensbahn zwischen Drogen und Entzug, zwischen Rausch und Literatur.

«Ich übersetze den Film, den ich im Kopf habe, so gut ich kann in Worte», sagt Burroughs über seine Arbeit. Das ist alles und das macht er gut, sehr gut sogar. Er bringt neue, radikale Sujets in die Literatur und einen neuen, harten, verrückten Sound. Seine Texte zerschneidet er mit der Papierschere und setzt sie neu zusammen. Das sprengt den Sinn, schafft einen neuen.

Denn darum geht es, von Beginn an, den Mainstream des Lebens und Schreibens zu verlassen und zugleich die Bewusstseinslagen seiner Herkunft: der weissen Mittelschicht in der US-amerikanischen Provinz.

Wahn und Widerstand: Drogen gehören zur Kunst

Allen Ginsberg steht und redet mit Burroughs, der auf einem Stuhl sitzt. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Beatniks: Allen Ginsberg und William S. Burroughs hatten sich an der Columbia University kennengelernt. Keystone

Kontrolle und Kontrollverlust sind die Themen seines Lebens. Er selbst ist ein eher kontrollierter Charakter. Die jetzt veröffentlichten Briefe der Jahre 1959 bis 1974 zeigen es. «Bitte schick Meskalin», schreibt er an den Freund Allen Ginsberg in New York. Denn der Kontrollverlust und der künstlerische Impuls liegen für Burroughs in den Drogen, in Meskalin, LSD, Heroin und vielen anderen. «Das völlige Alptraum-Halluzinogen», nennt er eine giftige Blütenpflanze 1961. Wahn und Widerstand, das ganze Amalgam der Beat Generation und der amerikanischen Subkultur der 60er- und 70er-Jahre sind hier vereint.

«In meinen Augen», schreibt er im November 1969, «besteht die wahre Bedrohung der Freiheit in computergestützter Gedankenkontrolle.» Wirklich prophetische Worte sind das, die auf seine Literatur zurückweisen. Staatliche Kontrolle, soziale Kontrolle nistet in der Sprache. Da ist er sich sicher. Deshalb soll auch die Freiheit dort sein, im «Was» und «Wie» des Erzählten. Burroughs will zerstören, Platz schaffen, Platz für Neues.

«Naked Lunch», sein erster grosser Erfolg

1951 hatte er im gemeinsamen Drogenrausch seine zweite Frau, Joan Vollmer Adams, erschossen. Das zählte als Unfall. Burroughs verliess Mexiko und wurde nie angeklagt. Aber die Tat veränderte alles. Das Leben und die Bücher.

«Naked Lunch», sein erster grosser Erfolg von 1959, ist Legende. Ein abgründiges Meisterwerk oder «ein widerlicher Gifthauch ununterbrochener Perversion, literarischer Abschaum», wie der Richter meinte, der es 1962 auf den Index setzte. Das ist nicht das letzte Wort. Aber William Burroughs schrieb eine exzessive Literatur, Bücher voller Gewalt, Paranoia und Ausschweifungen. Böse Satiren auch, auf Wissenschaft, Politik und Business.

«Naked Lunch» sollte verfilmt werden. Burroughs sah Mick Jagger oder Dennis Hopper in der Rolle des Agenten William Lee, dessen Reiseweg von New York nach Mexiko und Tanger der Roman skizziert. Burroughs, Staatsfeind und Patriot, der 25 Jahre seines Lebens im Ausland lebte wie im Exil. In Paris und Tanger vorzugsweise, bevor er als alter Mann in die USA, nach Kansas zurückkehrte.

Waffen, Katzen, Popkultur

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Literaturhinweis

«Radiert die Worte aus. Briefe 1959-1974» von William S. Burroughs, Nagel & Kimche, 2014.

Jack Kerouac bezeichnete Burroughs als den «grössten Satiriker seit Swift». Titel und Worte aus seinen Büchern prägten die Pop Kultur: «Soft Machine» oder «Steely Dan», der Begriff für einen Metall-Dildo, wurden zu stilbildenden Band Namen der Zeit. Auf dem Beatles Album Cover von «Sgt. Pepper» steht er neben Marilyn Monroe. Sein Einfluss ist spürbar von Pynchon bis Kurt Cobain. Zum Schluss liebte er nur seine Katzen – und die Waffen.

William Seward Burroughs war immer der Erste und der Letzte, vor seiner Zeit und einer wie übrig geblieben, als er am 2. August 1997 starb. Ein Mann mit Wirkung.