Guter Riese, böser Humor: 100 Jahre Roald Dahl

Den Meisten ist er als Autor sensibler Kinderbücher bekannt. Den Anderen als Meister des schwarzen Humors. Zum 100. Geburtstag des grossen Autors: 6 Bücher, die man lesen sollte.

Autor Roald Dahl an der Seite seiner Frau Patricia Neal. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Seine Kindheit war glücklich, bis die Schule rief: Roald Dahl im Jahr 1969 mit seiner Ehefrau Patricia Neal. Keystone

Roald Dahls Eltern waren Norweger und lebten in Wales. Roald und seine Schwestern absolvierten das britische Schulsystem – sehr zu Roalds Leidwesen, der die prügelnden Lehrer hasste.

Später suchte er das Abenteuer. Für Shell arbeitete er in Ostafrika, bevor der Zweite Weltkrieg begann und Dahl sich zum Jagdflieger der Royal Air Force ausbilden liess.

Im Krieg begann er zu schreiben. «Die Gremlins» und «James und der Riesenpfirsich» waren die ersten Kinderbücher, auf die zahlreiche andere folgten. Und Dahl schrieb aber auch für Erwachsene – meist Geschichten von speziellem Humor.

Er war mit der amerikanischen Schauspielerin Patricia Neal verheiratet und Vater von fünf Kindern. 1990 starb er im Alter von 74 Jahren.

1. «Küsschen Küsschen. Elf ungewöhnliche Geschichten» (1962)

Rote Lippen, von Bienen umspielt: Buchcover von Roald Dahl «Kiss Kiss». Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Für Freunde des schwarzen Humors: «Kiss Kiss». Penguin

In einer der elf Geschichten lässt eine brave Ehefrau, die ihrem Mann immer «treu gedient» hat, diesen einfach im Aufzug stecken, bevor sie auf eine längere Reise geht. Er war ziemlich gemein zu ihr gewesen.

In einer anderen wird ein ahnungsloser junger Mann auf Zimmersuche das Opfer einer alten Giftmischerin. In dieser Sammlung bitterbös-grotesker Stories wimmelt es von Morden, die oft in beiläufiger und geradezu heiterer Stimmung vollzogen werden.

Die sadistische, oft geradezu perverse Tendenz etlicher Figuren, Rache- oder andere Gelüste auszuleben empfiehlt sich für Freunde schwarzen Humors.

«Matilda» (1988)

Illustration: Ein Mädchen sitzt auf einer Holzkiste, umgeben von Büchern. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Verfilmt mit Danny DeVito: «Matilda». Penguin

In eine falschere Familie hätte Matilda nicht hineingeboren werden können. Das begabte und wissbegierige Kind hat Eltern, die sämtliche Mahlzeiten vor der Glotze einnehmen und es auch verpassen, sich um Matildas Einschulung zu kümmern.

In der Schule macht die fürchterliche Direktorin Knüppelkuh den Kindern das Leben zur Hölle – sie übt Hammerwerfen, indem sie Kinder durch die Luft schleudert und quält sie auf vielerlei Weise. Unter diesem massiven Druck entdeckt Matilda ein ungewöhnliches Talent – und findet eine Retterin.

1996 nahm sich Danny DeVito der Vorlage an und schuf eine kongeniale Verfilmung.

3. «Sophiechen und der Riese» (1982)

Filmposter: Ein Riese lächelt ein kleines Mädchen an, das auf seiner Hand sitzt. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Zwischen Bedrohung und Zärtlichkeit: «BFG». Ascot Elite

Die zwischen Bedrohung und Zärtlichkeit angesiedelte, fantastisch geschriebene Geschichte erzählt, wie das Londoner Waisenmädchen Sophie von einem Riesen aus dem Bett geholt und ins Reich von Knochenknacker und Blutschlucker gebracht wird.

Der GuRie – der gute Riese – ist die Witzfigur unter den Riesen, der Träume sammelt, statt Menschen zu fressen. Mit Sophiechen an seiner Seite verändert sich sein einsames Leben und sie entwickeln einen Plan zur Rettung all jener «menschlicher Leberwesen», die den Riesen zum Frass dienen. Dieser Plan fordert von beiden ihren ganzen Mut.

Roald Dahl erschliesst hier Kindern das Thema des Bösen und der menschlichen Selbstdestruktivität – durchaus auf selbstkritische Weise. Als Bomberpilot ist ihm die Dynamik des Krieges nur zu vertraut.

4. «Boy. Schönes und Schreckliches aus meiner Kinderzeit» (1984)

Buchcover: Ein Lehrer zeigt Schülern, wo's lang geht Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Schwer erträgliche Schulzeit: «Boy». Penguin

1916 in Wales geboren, verlor Roald vierjährig seinen Vater. Seine Mutter blieb mit vier eigenen Kindern und zwei Kindern aus der ersten Ehe des Vaters zurück.

Sie war eine couragierte und positive Frau, die allsommerlich mit sechs Kindern die dreitägige Reise auf eine norwegische Insel antrat und dort die Kinder durch meterhohe Wellen ruderte.

Dahl erinnert eine glückliche Kindheit – die jäh mit dem Eintritt ins britische Schulsystem endet. Mit welcher Lust an Gewalt hier Kinder blutig geprügelt wurden, durchläuft als schwer erträgliches zentrales Thema das Buch: Es habe ihn, schreibt Dahl, immer «mit Entsetzen erfüllt».

Als roter Faden ziehen sich jene Briefe durch das Buch, die Roald Dahl jede Woche an seine Mutter schrieb, so lange sie lebte.

5. «Im Alleingang» (1986)

Ein Pilot mir einem Zettel in der Hand: Buchcover von Roald Dahls «Going SOlo». Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Hinreissende Porträts: «Going Solo». Penguin

Unter dem Titel «Going Solo» setzt Dahl seine Autobiografie fort. Was mit hinreissenden Porträts der «Empire-Pioniere» beginnt – britischen Kolonisten, die er durch seinen ersten Job bei Shell in Ostafrika kennenlernt – mündet in die Darstellung seiner Auseinandersetzung mit Afrika, wo er sich nach Kriegsausbruch zum Jagdflieger der RAF ausbilden lässt.

«Ich habe einige deutsche Flieger abgeschossen und wurde auch selber abgeschossen, fand mich beim Aufprall in einer Flammenhölle, konnte mich irgendwie daraus befreien und wurde schliesslich von todesmutigen Kameraden gerettet, die bäuchlings auf dem Sand herangerobbt kamen.»

«… steigen aus … maschine brennt. 10 Fliegergeschichten» (1944)

Dieses schmale Buch versammelt Geschichten, zumeist aus dem Fliegercockpit heraus erzählt, die zwischen der Faszination des Abenteurers einerseits und der Angst angesichts der ständigen Todesnähe oszillieren.

Erschütternde Geschichten, aus denen kaum jemand entkommt, der nicht ein Bein oder sein Augenlicht verloren hat – oder bestenfalls dem Tod so knapp entronnen ist wie Dahl selbst.

«O Gott, was habe ich für eine Angst! Jetzt, da ich allein bin, brauche ich sie nicht mehr zu verbergen. Ich kann mein Gesicht gehenlassen, weil mich niemand sieht; weil sechstausend Meter zwischen mir und den anderen liegen und weil ich mich jetzt, da es wieder soweit ist, doch nicht mehr verstellen könnte.»

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 13.9.2016, 17:22 Uhr