Joël Dicker beweist erneut ein Gespür für menschliche Abgründe

Nach seinem Welterfolg «Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert» legt der junge Genfer Autor Joël Dicker mit «Die Geschichte der Baltimores» nach. Erneut bietet er Spannung auf hohem Niveau: Es geht um die Rivalität zweier Familienclans, um tödliche Intrigen und um die Frage, was im Leben zählt.

Ein junger Mann, kurzes Haar, markante Augenbrauen und sinnlichen Lippen; er trägt einen Pullover mit rundem Ausschnitt. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Mit «Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert» schrieb Dicker einen Roman, der sich weltweit millionenfach verkaufte. Lukas Maeder

Einmal mehr steht der Ich-Erzähler Marcus Goldman, ein junger Erfolgsautor, im Mittelpunkt der Geschichte. Joël-Dicker-Fans kennen ihn bereits: Goldmann war derjenige, der die Unschuld seines ehemaligen Professors und Freundes Harry Quebert um jeden Preis beweisen wollte. Und der die Suche nach dem wahren Mörder von Kindfrau Nola auch gleich noch als Stoff für seinen neuen Roman verwendete.

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Ansichten: Schweizer Literatur

Ein Büchergestell mit Büchern, in einzelnen Abteilen sind Porträts von Schwizer Autorinnen und Autoren.

Lukas Maeder

Mehr zu lesen und zu hören über Joël Dicker gibt's auf unserer Literaturplattform «Ansichten».

Schmerzhafte Erinnerungen

In «Die Geschichte der Baltimores» sind seit jenen dramatischen Ereignissen rund um Harry Quebert vier Jahre verstrichen; man schreibt mittlerweile das Jahr 2012. Wieder will Marcus Goldmann an einem Buch arbeiten. Dafür zieht er sich in sein Haus in Florida zurück. Zufällig trifft er dort in der Nachbarschaft seine Jugendfreundin Alexandra. Mit ihr steigen plötzlich wieder schmerzhafte Bilder in ihm hoch: Erinnerungen an jene unvergesslichen Ferien, die Marcus – «ein Goldman aus Montclair» – jedes Jahr bei seinen Verwandten verbringen durfte, den «Goldmans aus Baltimore»: Onkel Saul, Tante Anita und die gleichaltrigen Cousins Hillel und Woody.

Der Baltimore-Zweig der Goldmans verkörperte alles, was die eigene Familie aus Montclair nicht bieten konnte: Geld, Macht, und Ansehen. Marcus, hin- und hergerissen zwischen Bewunderung und Neid, notiert im Roman, dass er dort die schönsten Sommermonate seiner Jugend verbracht habe. «Dort wurden aber auch die Keime für die Katastrophe gesät, die über die Baltimores hereinbrechen sollte.»

Der neue Roman von Joël Dicker

4:59 min, aus Kulturplatz vom 27.4.2016

Die Geister der Vergangenheit

Nie hatte Marcus bislang die Kraft, sich den Geistern der Vergangenheit zu stellen; erst jetzt – ausgelöst durch die Begegnung mit Alexandra – wächst in ihm die Gewissheit, dass er den Tatsachen ins Auge sehen musste: «Mir war klar geworden, dass ich meine Cousins nur zurückholen konnte, indem ich von ihnen erzählte.»

Im Roman «Die Geschichte der Baltimores» berichtet Marcus also auf über 500 Seiten von Aufstieg und Fall der Baltimores und entlarvt dabei seine eigenen Täuschungen und Idealisierungen. Die heile Welt von damals hatte nur in seinem Kopf existiert. Auch scheinbar glückliche Familien verfügen über dunkle Seiten. Und Marcus realisiert, dass weder Prestige noch Reichtum im Leben zählen, sondern einzig Beziehungen zu Menschen, die uns lieben.

Ein Roman im Roman

Erneut schafft es Joël Dicker, eine komplexe Story auf verschiedenen Zeit- und Handlungsebenen zu schreiben – und dies mit beneidenswerter Leichtigkeit und einem guten Gespür für menschliche Abgründe. Die wachsende Neugier, was wohl damals wirklich geschehen ist, treibt die Leserinnen und Leser vorwärts. Immer wieder streut der Autor neue geheimnisvolle Hinweise in den Text, und wir lesen gleichsam einen Roman im Roman: «Bald wäre also nichts mehr übrig von der Grösse der ‹Goldmans aus Baltimore› von allem, was sie gewesen waren. Das einzige, was ich dem Leben entgegenhalten konnte, war mein Buch.» Dass Dicker seinem Helden Marcus immer wieder Betrachtungen über die magische Kraft der Literatur in den Mund legt, verleiht der Lektüre einen zusätzlichen Charme.

In Hotelzimmern geschrieben

Joël Dicker hat «Die Geschichte der Baltimores» fast ausschliesslich in Hotelzimmern geschrieben – fast jeden Tag in einem andern. Die Promotionstour für «Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert» rund um den Erdball dauerte fast zwei Jahre. Es sei undenkbar gewesen, so lange mit Schreiben zuzuwarten, erzählt er im Gespräch. Unter Druck habe er sich dabei nicht gefühlt; immerhin schreibe er seit über zehn Jahren und kenne mittlerweile das Handwerk. Überhaupt würden die Folgen seines Erfolgs überschätzt.

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Buchhinweis

Joël Dicker: «Die Geschichte der Baltimores». Piper, 2016 (erscheint am 2.5.).

Das einzige, was sich in seinem Leben wirklich verändert habe, sei seine Wahrnehmung als Schriftsteller. Auch er selbst verdanke dieser Anerkennung ein neues Selbstbild: «Ich habe so lange darum gerungen, als Schriftsteller ernst genommen zu werden. Heute bin ich dort, wo ich immer hinwollte. Und der Erfolg bestätigt mir, dass ich gute Arbeit leiste.» Darauf darf Joël Dicker zu Recht stolz sein.

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