Lohnt es sich noch, für ein besseres Leben zu kämpfen?

Der sechste Roman des deutschen Autors Ulrich Peltzer ist eine aufregende Lektüre: Der Rhythmus ist rasant, die Zeitebenen virtuos verschachtelt und die drei Helden spielen ein dubioses Spiel. «Das bessere Leben» reagiert eindrucksvoll auf die Zuspitzung der Gegenwart.

Eien Frau sitzen neben einer Strasse und hält eine Zigarette in der Hand. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Gedankenketten, Erinnerungssplitter, Dialogfetzen – «Das bessere Leben» ist rasant erzählt. Getty Images

Die Stadt brennt, Steine fliegen, die Studenten sind in Aufruhr, und die Polizei geht mit Waffen auf die Demonstranten los – mit diesen packenden Szenen beginnt Ulrich Peltzers neuer Roman «Das bessere Leben». Sein Held, der Manager Sylvester Lee Fleming, hat gerade geschäftlich in Brasilien zu tun, und dort, mitten in São Paulo, holen ihn plötzlich Erfahrungen aus seiner Jugend in den USA ein.

Der hartgesottene Geschäftsmann wird Nacht für Nacht von Alpträumen heimgesucht: Eine junge Frau kam bei den Protesten in Kent/Ohio im Frühjahr 1970 zu Tode, und Fleming kann sie bis heute nicht vergessen. Fleming, ebenso charismatisch wie dubios, ist eine von drei Hauptfiguren, die in diesem mitreissenden Gesellschaftstableau um die Welt jagen, dem grossen Geld auf der Spur. Oder vielleicht doch eher dem Glück?

Teuflische Verführungskünste

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Buchhinweis

Ulrich Peltzer: «Das bessere Leben». S. Fischer Verlag 2015.

Was ist aus ihren politischen Idealen geworden und lohnt es sich noch, für ein besseres Leben zu kämpfen? Der Verkaufsleiter eines Turiner Unternehmens Jochen Brockmann steht kurz vor der Entlassung, bunkert sein Schwarzgeld in der Schweiz und trennt sich von seiner Geliebten. Unterdessen dirigiert die ehemalige Russischlehrerin Angelika in Amsterdam für eine Reederei Schiffe mit Eisenerz um den Globus.

Irgendwann kreuzen sich die Wege der Figuren, und Fleming bringt seine teuflischen Verführungskünste in Anschlag.

«Angefangen wird mittendrin», hatte Ulrich Peltzer seine Frankfurter Poetikvorlesungen von 2011 programmatisch überschrieben. In seinem sechsten Roman schlägt er aus diesem Konzept narrative Funken: kein linearer Plot, sondern ein polyphones Cluster. Keine übergeordnete Beobachterinstanz, sondern ein Erzählen aus dem Inneren der Figuren heraus.

Virtuos verschachtelte Zeitebenen

Immer wieder kommt es zu Perspektivverschiebungen, was die Lektüre besonders aufregend macht. Gedankenketten, Erinnerungssplitter und Dialogfetzen vermischen sich, und wenn Brockmann mit seiner Tochter Elisabeth durch Mailand spaziert und sich mit ihr unterhält, haben wir Teil an allem, was nicht ausgesprochen wird.

Der Rhythmus ist rasant, die Schauplätze umspannen mehrere Kontinente, Rückblenden lassen die Vergangenheit aufblitzen. Virtuos verschachtelt Ulrich Peltzer verschiedene Zeitebenen und nimmt das Moskau der 1930er-Jahre während der stalinistischen Säuberungsaktionen ebenso in den Blick wie die deutsche Provinz der Nachkriegszeit, Berlin in den 70ern und Turin im Jahr 2014.

Filme geben wichtige Impulse

Die Wirklichkeit strömt durch seine Helden hindurch, sie passen sich an oder spielen ihr eigenes Spiel. Rohstoffhandel oder Private Equity, seine Helden operieren in der Grauzone des Neokapitalismus, was sie zu schillernden Gestalten macht.

Ulrich Peltzer, 1956 in Krefeld geboren, hat Psychologie und Philosophie studiert und lebt seit den 1970er-Jahren in Berlin. Neben seinen Romanen hat er gemeinsam mit dem Regisseur Christoph Hochhäusler zwei Drehbücher verfasst, und Filme sind immer wieder ein Impulsgeber.

Dass man auf die Zuspitzungen der Gegenwart literarisch reagieren kann, beweist «Das bessere Leben» auf eindrucksvolle Weise.

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