Martin Walsers «Die Inszenierung» mit Figuren wie Handpuppen

Ein Theaterroman aus dem Krankenhaus. Und die Einsicht, dass der Geschlechterkampf auch im Alter seine grossen Szenen hat. Ist Martin Walsers neuer Roman eine Komödie? Glücklich macht er jedenfalls nicht.

Der Schriftsteller Martin Walser. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: In Martin Walsers neuem Roman wiken die Figuren wie Handpuppen ohne Eigenleben. Keystone

Eine Dreiecksgeschichte im Krankenzimmer. Die handelnden Personen: Augustus Baum, Theaterregisseur, Dr. Gerda Baum, Nervenärztin und Ute-Marie, die Nachtschwester. Nach einem leichten Schlaganfall liegt der Regisseur im Spital und inszeniert. Ja, er inszeniert, Tschechows «Möwe», so wie zuvor im Theater.

Jetzt ist die Krankenstation seine Probebühne und die Frauen sind sein Personal. Die Eine ist ihm nachts zugetan, die Andere bringt ihm morgens das Frühstück. Dazu gibt es Lydia, die Ex-Geliebte, Vinze, Ute-Maries Verlobten und Hans Georg, den (Brief-)Freund aus Amerika.

Ein Buch wie ein Theaterstück

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Buchhinweis

Martin Walser: «Die Inszenierung». Roman. Rowohlt Verlag, 2013.

Und sie reden und reden, sie reden mit- und gegeneinander. Einspruch, Widerspruch, Zuspruch, direkte Rede also, wo man geht und steht, dazwischen ein paar eingestreute Regieanweisungen, so ist Walsers Roman gebaut. Ein Buch wie ein Theaterstück, das auch noch vom Theater handelt. Gegeben wird ein szenisches Kammerspiel: Beziehungslagen, Gefühlslagen, Haltungen, Meinungen. Geschlechterkampf. Das Thema ist Sex, Sex und noch ein paar andere Dinge. Von «GV» spricht der Autor und lässt seine Hauptfigur gern die Ohnmacht der Liebe beschwören.

Man geht herum, man steht, man spricht. Das gibt Raum für schnelle Returns, und für allerhand Verweise und Anspielungen, für ganz viel Bildungsstoff von Platon bis unendlich. Martin Walser schreibt handwerklich virtuos, wie gewohnt, mit genauem Timing, szenischem Elan und knapper Personenführung. Auch Anton Tschechows Vorlage bleibt stets nah.

Rollenprosa, die kaum berührt

Nur, was ist das? Was will es sein? Ein Roman im Bühnenhabitus oder doch besser eine erzählte Komödie? Lesestück, Kunststück? Zirkuskunststück eines grossen Autors, der beweist, dass er auch das kann, nachdem er zuletzt das Genre des Briefromans wählte? Der Beweis ist erbracht, sicher, aber glücklich macht das nicht. Im Roman wirken diese Figuren wie Handpuppen, ohne Eigenleben und der Stoff wie ein Geschehen im Stillstand. Es sind eben Rollen nur und Rollenprosa, die kaum berühren kann. Oder ist das Comedy? Rhetorik? Zwei Frauen lieben einen Mann, das geht nicht. Ein Mann liebt zwei Frauen, das geht auch nicht.

«Badenweiler» heisst das letzte Wort in diesem Roman. Irgendwie magisch. Anton Tschechow ist in Badenweiler gestorben.