Natur entdecken Mein Freund der Baum – die Renaissance des Nature Writing

Bücher über die Natur haben Konjunktur. Sie liegen genauso im Trend wie das Bedürfnis, Gemüse auf dem Stadtbalkon anzubauen und Tiere als dem Menschen ebenbürtige Lebewesen wahrzunehmen. Dahinter verbirgt sich der Wunsch nach einem besseren Leben.

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Bildlegende: Das Nature Writing holt uns die Naturnähe zurück ohne dass wir der Natur nahe sind. Getty Images

  • Nature Writing ist die fiktionale oder dokumentarische Beschreibung der Natur.
  • Mit dem Philosophen Henry David Thoreau begann das Nature Writing im 19. Jahrhundert. Sein Buch «Walden» gilt heute als Bibel für Aussteiger.
  • Nature Writing liegt im Trend und hat einen Markt. Es vermittelt die Botschaft: Lernt wieder die Natur zu sehen.

Am Anfang war Thoreau

Mit Henry David Thoreau hat alles angefangen. 1845 verschwand der zivilisationsmüde Philosoph in seiner selbstgebauten Hütte am Walden-See, um das Experiment selbstbestimmten Lebens zu wagen. Was er über das Leben in selbstgewählter Freiheit zu sagen hatte, schrieb er in seinen epochalen Naturessay «Walden». Die Bibel der Aussteiger und Naturschützer wurde zum Vorbild vieler Nature Writer.

Naturforschung in schönen Büchern

Und heute? Es könnte doch alles so schön sein, weit weg vom nervigen Treiben der Grossstadt, angefüllt mit schlechter, stickiger Luft, gibt es immerhin noch Wälder und Auen, die zum Verweilen einladen.

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Hörpunkt «Die Liebe zur Natur»

Auenlandschaft.

Keystone

Die Sendung «Hörpunkt» hinterfragt den aktuellen Trend, die Natur in Büchern, und Zeitschriften geradezu hymnisch zu feiern, während sie gleichzeitig gnadenlos ausgebeutet wird.

Man muss nur hinausfahren, um all das zu erleben. Stattdessen holen wir uns die von Thoreau besungene Natur mit schönen Büchern zurück, an denen man sich nicht schmutzig macht.

Blickt man in die Kataloge vieler deutschsprachiger Verlage, die Monographien viel Platz einräumen über Falken, Krähen, Wölfe und Wale, aber auch über Berge und Englands verschollene Wildnis, dann verdichtet sich der Trend medialer Naturaneignung.

In Gesellschaft von Tieren

Da werden Rabenvögel zu Familienmitgliedern, der Wald als empfindsames Netzwerk kluger Organismen beschrieben. Manche Forscher schlüpfen gar in die Rolle von Tieren und fressen buchstäblich Dreck, wie der englische Tierforscher Charles Foster oder wandeln auf alten Pfaden wie der englische Natur-Essayist Robert Macfarlane.

Ausdruck einer Krise?

Sind Nature Writer möglicherweise Bewohner eines Elfenbeinturmes, die einmal mehr in die Natur hinaustreten, um ihrer Entfremdung Luft zu machen? Oder anders gefragt: Ist Nature Writing nicht auch eine Expedition durch innere Landschaften? Ich glaube, es ist vor allem der Ausdruck einer Krise, einer Krise des Menschen, dass zu viele Schritte gegangen wurden in eine andere Richtung.

Es gibt sehr viel Beziehungsloses – das merkt man daran, dass die Leute wieder Lust haben, Gemüse auf dem Balkon zu ziehen, erläutert Judith Schalansky, Herausgeberin der Naturkunden-Reihe im Berliner Verlag Matthes & Seitz, die als Gallionsfigur im deutschsprachigen Nature Writing gilt.

Sehnsuchtstexte

In der Zeitlosigkeit vieler schön gestalteter Naturbücher können wir Leser untertauchen, uns die Natur für einen berauschenden Lesemoment zurückholen.

Unsere zersiedelten, von Verkehrswegen zerschnittenen Landschaften mit ihren Naturschutzgebieten, Naherholungsgebieten und geordneten Wanderstrecken, sind nur noch ein Schatten jener Wildnis, die Robert Macfarlane vermisste und besang.

Eine Wildnis, die Unordnung, Chaos und eben auch Freiheit bedeutete. Natur-Bücher besetzten etwas, dass vor 30 Jahren vielleicht noch selbstverständlich war.

Entfremdung von der Natur

Josef H. Reichholf ist kein Naturschriftsteller, sondern Zoologe. Er hat mehr als 30 Bücher über das Verhältnis von Mensch, Natur und Tier verfasst hat: Ein schwieriges Verhältnis, das eine Kluft zwischen Natur und Mensch offenbart, die mit teils irrationalen Ängsten und restriktivem Naturschutz einhergeht. Nature Writing ist für ihn notwendig, aber auch ein zweischneidiges Schwert.

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Bildlegende: Viele kennen heimische Tiere nur noch aus Büchern. Keystone

In Zeiten, da es selbstverständlich war, dass Kinder, Jugendliche und Erwachsene sich einfach frei in der Natur bewegen konnten, Tiere für Kinder nicht Tabu waren, war auch die Notwendigkeit nicht gegeben, sich über den Buchmarkt oder die Medien virtuell mit der Natur zu befassen. Man konnte sie direkt erleben.

Vielleicht ist Nature Writing nicht nur ein Trend, sondern eine nachhaltige Aufforderung, die Natur als Spiegelbild einer kriselnden Zivilisation zu begreifen. Fazit der meisten Natur-Bücher: Lernt wieder die Natur zu sehen.

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