«Monnè» – eine packende Begegnung mit dem untergegangenen Afrika

In «Monnè», einem grossen Epos der Kolonialisierung, erzählt Ahmadou Kourouma die Geschichte Westafrikas von der Ankunft der Franzosen bis ans Ende der Kolonialzeit. Obwohl das Buch bereits 1992 erschien, gibt es jetzt erstmals eine deutsche Übersetzung.

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Bildlegende: Beschert uns ein Afrika-Lesevergnügen der besonderen Art: Ahmadou Kourouma Bibliothèque Lyon

Man sollte Versicherungsmathematiker nicht unterschätzen: Ahmadou Kourouma, 1927 im Norden der Elfenbeinküste geboren, war ein solcher und baute das Versicherungswesen in Algerien auf. Als 41jähriger unbekannter Mann veröffentlichte er 1968 in Montréal – nicht in Paris – seinen ersten Roman «Les soleils des indépendances», in dem er die frühen Jahre der afrikanischen Unabhängigkeit darstellt und kritisiert.

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Buchhinweis

Ahmadou Kourouma: «Monnè - Schmach und Ärger». Verlag Diaphanes, 2013.

Der Roman wurde inhaltlich und formal als Sensation empfunden, Kourouma wurde über Nacht eine Grösse der afrikanischen Literatur – und was tat er? Wie nutzte er seinen Ruhm? Er schwieg 24 Jahre lang.

1992 erschien sein zweiter Roman «Monnè: outrages et défis», der historisch weiter zurückgreift als der erste, die Jahre der französischen Kolonialherrschaft in Westafrika schildert und den Autor endgültig zu einem Klassiker der afrikanischen Literatur macht.

Wiederum über 20 Jahre später, im Frühjahr 2013 nämlich, hat der kleine Verlag Diaphanes, der auf Philosophie und anspruchsvolle Literatur spezialisiert ist, die erste deutsche Übersetzung publiziert. Eine überfällige verlegerische Grosstat.

Hier sprechen Afrikaner und Afrikanerinnen

Als «Monnè» in Frankreich erschien, steckte die konsequente Kritik am Kolonialismus noch in den Anfängen. 1988 wurde Ousmane Sembènes Film «Camp de Thiaroye» noch schlicht und ergreifend verboten. Der Film behandelt ein Thema, das auch in «Monnè» eine Rolle spielt, nämlich das Schicksal der schwarzen Soldaten im 2. Weltkrieg,

Danach dann, in den Jahren 1990 bis 2000, entwickelte sich im intellektuellen und universitären Milieu Frankreichs ein Paradigmenwechsel in Richtung einer kritischeren Haltung gegenüber der Kolonialzeit. Indes sei daran erinnert, dass noch im Jahre 2005 ein Gesetz von der positiven Rolle Frankreichs in den Kolonialgebieten sprach.

Cover der deutschen Ausgabe mit den Bedeutungen des Wortes «monnè» Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Wortbedeutungen von «monnè» sind ein weites Feld: Buchcover der deutschen Ausgabe. Verlag Diaphanes

Kouroumas «Monnè» spielt in Soba, einem fiktiven Ort im Gebiet des Manding-Volkes, das in Westafrika lebt. Erzählt wird das Leben eines ebenfalls fiktiven Königs, Djigui, von der Ankunft der Franzosen Ende des 19. Jahrhunderts bis kurz vor den Beginn der Entkolonialisierung Ende der 1950er Jahre.

Der Roman inszeniert die Beziehungen zwischen Kolonialherrschern und traditionellen Autoritäten. Seine Perspektive ist konsequent diejenige der Afrikanerinnen und Afrikaner. Wie der Kolonialherr die zivilisatorische Mission versteht, auf die er sich beruft, wird drastisch deutlich: Die Schätze des Landes, Kaffee, Kakao, Edelhölzer, werden brutal ausgebeutet. Die Kopfsteuer zwingt die Eingeborenen in die Geldwirtschaft.

Sie werden mit Gewalt zu mörderischer Zwangsarbeit rekrutiert, unter anderem um eine Eisenbahn quer durch das Land zu bauen. Im Ersten wie im Zweiten Weltkrieg werden sie als Soldaten rekrutiert, was ein wesentlicher Antrieb für die Unabhängigkeitsbewegungen wurde, mit deren Entwicklung das französische Kolonialsystem mehr und mehr zu offener Gewalt überging.

Die Religion – von innen erlebt

Im Unterschied zu der (historischen) Figur von Samory Touré, der im Roman als Verkörperung des Widerstands gegen die Franzosen erscheint, kollaboriert König Djigui mit den Franzosen. Er wird zum lokalen Machthaber unter dem französischen Kommandanten. Sein Hof und sein Hofstaat, mit all den Sehern, Griots, Propheten, Priestern, Schergen und gedungenen Mördern wird zu einem Hort der alten, untergehenden Kultur Afrikas, einer Art traditioneller Enklave in sich modernisierender Umgebung.

Djiguis Rolle ist nicht eindeutig: Einerseits ist er ein Instrument des Kolonialherren, andererseits wahrt er eine symbolische Macht der Afrikaner, er wahrt ihre Würde und ihre Distanz zur Macht der Franzosen. Kouroumas Darstellung der alten Religion der Gegend, einer Mischung aus Animismus und Islam, ist so einmalig direkt und intensiv, dass man als LeserIn die Attraktivität dieses Glaubens erfahren kann.

Natürlich ändert sich nach unseren rationalen Kriterien gar nichts, wenn man ein Rind opfert, um der technologischen Übermacht der französischen Waffen zu begegnen. Was man bei Kourouma aber erleben kann, ist: Wenn die Menschen so vollkommen eins sind mit der Welt und der Natur wie diese Afrikaner, so ändert sich eben durch ihre kollektive Opferaktion sehr wohl etwas.

Raffinierte Erzähltradition

Kourouma schreibt ein Französisch, das er durch das Malinke, die Sprache des Mali-Reichs, und die Erzähltraditionen seines Landes unterwandert: Er schreibt Malinke auf Französisch. Dazu gehören schnelle Wechsel der Erzählstimme: «Ich» ist bald der König, bald ein anonymer Autor, bald ein Griot. Dann wieder erzählt ein «wir», ein «man», das Volk. Viele Geschichten sind nur in der Form von sich widersprechenden Gerüchten erzählt.

Sprichwörter spielen eine wichtige Rolle. Der Grundton ist durchweg hochironisch, bissig, satirisch. Das schafft für all die offiziösen Aussagen sowohl der Franzosen als auch der Afrikaner einen doppelten Boden.

In diesem Text kann man niemandem trauen. Alle meinen etwas anderes als sie sagen, und immer lacht, grinst und spottet der Erzähler.

Altafrikanische Erzählkunst erscheint hier als modernste Erzähltechnik. Dieser raffinierte Erzähler ist mit allen Wassern der Postmoderne gewaschen.

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