Rainald Goetz' jüngster Roman entlarvt die Nullerjahre

Scharf und böse – so beschreibt der deutsche Autor Rainald Goetz das Zeitgeschehen. Auch in seinem neuesten Roman «Johann Holtrop» beleuchtet er die Machtverhältnisse der New Economy in den Nullerjahren. Der erste Satz des Romans allerdings führt den Leser auf die falsche Fährte.

Porträtaufnahme von Rainald Goetz an der Frankfurter Buchmesse 2012. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ein enfant terrible der deutschen Literaturszene: Rainald Goetz. Lesekreis/wikimedia.org

Es ist ein ungewöhnlicher erster Satz für einen Roman: So fangen Märchen an oder Filme, die einmal von der Zukunft handelten. Filme wie Kubricks «2001». Und so beginnt «Johann Holtrop», der neue Roman von Rainald Goetz. Es ist erst sein dritter in fast drei Jahrzenten, nach «Irre» (1983) und «Kontrolliert» (1987).

Goetz, Zappelphilipp der Literatur

Rainald Goetz ist wieder da – und war doch irgendwie nie weg. Er schreibt und schreibt, unablässig, notiert, protokolliert und veröffentlicht die laufenden Ergebnisse unter seltsamen Titeln wie «loslabern» oder «Abfall für alle», ein Netztagebuch.

Goetz, ein Hyperaktiver mit Kamera und Notizblock. Der Blogger, der Zappelphilipp der deutschen Literatur. Ein grosser Vielschreiber und Selbstdarsteller, der immer und überall dabei zu sein scheint.

Infantil und grössenwahnsinnig

Auch bei Berliner Bundespressekonferenzen ist er in der Vergangenheit schon gesichtet worden. Goetz eignet dabei eine besondere Fähigkeit zum Event. Immer schon hat er sich auch selbst inszeniert. Die interne Veranstaltung im Suhrkamp Verlag zur Präsentation des neuen Romans gestaltet er wie eine Performance.

Ein bisschen grössenwahnsinnig, infantil ist er dabei auch selbst, seit er sich beim Klagenfurter Wettlesen die Stirn mit der Rasierklinge schlitzte, grössenwahnsinnig, infantil wie das Personal seines neuen Romans. Ein «Abriss der Gesellschaft» soll es sein und – das ist es denn auch: Ein Zeitalter wird besichtigt, ein sehr kurzes und ein sehr verrücktes und ein sehr böses.

Die grosse Party der New Economy

Krölpa ist nicht Gütersloh, aber fast. Der schwarze Büroturm gehört nur einer Tochter der Bertelsmann Aktiengesellschaft, die hier Assperg AG heisst, im Osten der Republik. Im echten Leben ist Reinhard Mohn ihr Patriarch und Johann Holtrop ist Thomas Middelhoff, Jahrgang 1953, bis 2002 der Vorstandsvorsitzende des Weltkonzerns aus der westfälischen Provinz.

Rainald Goetz, man glaubt es kaum, wenn man ihn sieht und liest, ist nur ein Jahr jünger, Jahrgang 1954. Noch läuft die grosse Party der New Economy auf Hochtouren, als der Roman 1998 einsetzt: «Der grösste Weltfreiraum für alle wirklich abenteuerlich gesinnten Menschen, der Kapitalismus leuchtete, hell und wild wie noch nie.»

Böser Blick eines wütenden Kindes

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Buchhinweis

Rainald Goetz: «Johann Holtrop. Abriss der Gesellschaft». Suhrkamp, 2012.

Es beginnt mit einer Entlassung: Holtrop, Chef, Herrscher über 80 000 Mitarbeiter und einer Bilanzsumme von 15 Milliarden Euro, feuert den Leiter einer ostdeutschen Niederlassung. «Zu alt, mental erschöpft» ist der andere, er muss weg, umständehalber, umstandslos. Doch diese Entlassung ritzt eine Wunde, unscheinbar zu Anfang und doch letztlich, letztlich letal für den Angreifer.

Es folgt die Zeit der Nullerjahre und der Roman ist auch ihr Schlüssel. Die grosse Party ist plötzlich vorbei, nach «9/11» macht sich Katzenjammer breit. Die Machtfragen stellen sich ständig, und Goetz folgt ihren ausgreifenden Phantasmen mit dem sehr bösen Blick eines wütenden Kindes.

Irre Komik, irre Verhältnisse

Es geht um Macht, nur und ausschliesslich um Macht. Alles ist Schein, Augentäuschung, Gefühlstäuschung. Alles ist ihr untergeordnet. Alles. Das trifft die Sachlage, natürlich. Nur, wer es ausspricht, hier oder anderswo, hat schon verloren.

Bis in die Nebenfiguren sind sie alle da und bis zur Kenntlichkeit präsent, die in diesen Jahren die Szene bestimmen: Gerhard Schröder und Friede Springer, Mathias Döpfner und Frank Schirrmacher, Liz Mohn und Leo Kirch. Angstgetriebene Lautsprecher allesamt für Rainald Goetz, die mit ihren Strategien und Winkelzügen, das dramatische Geschehen um Aufstieg und Fall des Johann Holtrop in Rotation halten.

Verführte Verführer und Egomanen, die, wie im guten, alten Comic, alle anderen für die Deppen halten, deren Vorgesetzte sie sind: Die sind alle so blöd – und ich bin ihr Chef! Das ist witzig, auch das. Das vor allem, in einer irren Komik, die den irren Verhältnissen verschwistert ist.

Das Kapital wütet, die Börse zahlt

«Tempomacher», «Lichtgestalt», «Entscheidungshysteriker» – das sind nur einige der zahllosen Attribute, die Goetz seiner Hauptfigur Holtrop/Middelhoff mit auf den Weg gibt. Ein smarter Blender ist zu besichtigen, der Charme und Visionen hat, oder auch nicht. Je nach Bedarf, je nach Situation. Ein attraktives Nichts, ein suggestiver Niemand, bei dem immer nur auf eins Verlass ist, auf die unfassbare, unstillbare Gier, die alles und jeden am Laufen hält. Die Börse zahlt.

Als diese Seifenblase platzt, ist alles vorbei. Der Patriarch aus Gütersloh orientiert sich neu. Holtrop wird mit 40 Millionen abgefunden. Er verzockt sie. Dr. Johann Holtrop ist Geschichte, Firmengeschichte wenigstens. Doch das Kapital wütet weiter, soviel scheint klar für den Autor dieses furiosen Romans. Marx hatte wohl doch Recht. Wenigstens darin.