Meine Grosstante, das Monster: Spurensuche in der Nazi-Zeit

Seine Grosstante war zur Nazi-Zeit in die Ermordung von Juden verwickelt. «Und was hat das mit mir zu tun?» fragt sich der Zürcher Journalist Sacha Batthyany im gleichnamigen Buch. Eine aufwühlende Spurensuche in die düstere Vergangenheit der eigenen Familie.

Video «Der erste Satz: Sacha Batthyany» abspielen

Der erste Satz: Sacha Batthyany

1:01 min, vom 7.11.2016
Zusatzinhalt überspringen

Sendehinweis

  • Live-Übertragung der Preisverleihung, Radio SRF 2 Kultur, 13.11., 11.03 Uhr.
  • Sondersendung zum Buchpreis, Radio SRF 2 Kultur, 13.11., 21:00 Uhr.
  • Der Schweizer Buchpreis, Radio SRF 1, 13.11., 14:06 Uhr.

«Ich bin ein Kriegsenkel», schreibt der Zürcher Journalist Sacha Batthyany in seinem Buch «Und was hat das mit mir zu tun?». Der Zweite Weltkrieg habe die Geschichte seiner Familie unumkehrbar geprägt, man sei Täter wie Opfer gewesen: «Mein Grossvater wurde von den Russen nach Sibirien verschleppt, meine Grossmutter verlor ihren zweiten Sohn und meine Grosstante hatte ein Massaker an 180 Juden zu verantworten.»

Und diese Vergangenheit erweist sich für Sacha Batthyany, der heute als Korrespondent des «Tages-Anzeigers» und der «Süddeutschen Zeitung» in Washington lebt, als Erblast. Zum ersten Mal spürt er dies vor etwa 10 Jahren. Der Journalist arbeitet damals in Zürich und wird durch einen Zeitungsartikel auf die Ermordung von gegen 200 Juden in Österreich kurz vor Kriegsende aufmerksam. Seine Grosstante Margit Batthyány-Thyssen soll dabei eine Rolle gespielt haben.

Lange Spurensuche

Zusatzinhalt überspringen

Die Nominierten

In seinem eindringlichen Buch schildert Sacha Batthyany, wie sehr ihn dieser Zeitungsartikel erschüttert und ihn dazu veranlasst habe, genauer hinzusehen: Was ist damals tatsächlich geschehen? Diese Frage ist der Ausgangspunkt einer Spurensuche, die sich über Jahre hinziehen wird. Der Journalist sichtet alte Fotografien, liest Tagebücher seiner Vorfahren, reist um die halbe Welt, interviewt Hinterbliebene und Überlebende des Zweiten Weltkriegs innerhalb und ausserhalb seiner Familie.

Mehr und mehr entwickelt der Autor in seinem Buch ein Geflecht von Episoden, Geschichten, Beziehungen und Abhängigkeiten, welche die Geschichte der Familie geprägt haben – und bis heute prägen. Der Journalist erkennt, dass er mit seiner Recherche nicht alleine die Vergangenheit befragt, sondern auch sich selbst. «Was hat das mit mir zu tun?» lautet denn auch der Titel des Buchs.
Sehr viel, so das Fazit: Die heutige Generation könne sich nur aus dem Vergangenen heraus begreifen – auch wenn dabei in einem mitunter schmerzhaften Prozess Verdrängtes ans Licht gezerrt werden müsse. Batthyany nimmt hierfür die Hilfe eines Psychoanalytikers in Anspruch. Auch darüber schreibt der Journalist in seinem bisweilen schonungslos offenen Werk.

Sprachliche Vielfalt

Dabei spielt er mit verschiedenen literarischen Formen: Innere Monologe und Dialogsequenzen wechseln ab mit Auszügen aus gefundenen Tagebüchern oder mit wissenschaftlichen Abschnitten mit Fussnoten. Auch zitiert der Autor manchmal aus dem Mailverkehr, den er mit Betroffenen führt. Und manchmal präsentiert er Passagen gar als Theaterszenen. Dies alles führt zu stilistischen Brechungen, welche die beschriebene Verworrenheit und Unübersichtlichkeit der Vergangenheit auf formaler Ebene trefflich aufgreifen.

Routiniert ist Batthyanys Sprache. Man merkt: Da schreibt ein gewiefter Journalist. Allerdings gelingen dem Autor die gewählten sprachlichen Bilder nicht immer, etwa wenn er von einer Jagdgesellschaft erzählt, die sich in während der Kriegsjahre, als die Männer an der Front waren, ausdünnte «wie die Haare meiner Onkel».

Bemerkenswertes Buchdebüt

Zusatzinhalt überspringen

Buchhinweis:

Sacha Batthyany: «Und was hat das mit mir zu tun. Ein Verbrechen im März 1945. Die Geschichte meiner Familie», Kiepenheuer & Witsch 2016.

Auch täte dem Text bisweilen etwas mehr Zurückhaltung gut. So heisst es zum Beispiel an derselben Stelle, wo es um die an Mitgliederschwund leidenden Jagdgesellschaften geht: «Die Gespräche wurden leiser, die Witze weniger. Der Rum blieb in den Flaschen. Sie kämpften mit Hitler in Russland, schossen jetzt keine Hasen mehr, sie schossen Menschen.» Da tut der Autor zwar das Richtige, aber er vergreift sich in der Dosis.

Dennoch ist Sacha Batthyanys mit seinem Werk insgesamt ein bemerkenswertes und lesenswertes Buchdebüt gelungen: Man folgt ihm bei seiner Spurensuche auf Schritt und Tritt – und legt das Werk am Ende vielleicht gar mit einer gewissen Ergriffenheit aus den Händen.

Voting zum Schweizer Buchpreis 2016

  • Wer soll den Schweizer Buchpreis erhalten? Stimmen Sie ab!

  • Sacha Batthyany Bild in Lightbox öffnen

    Sacha Batthyany für «Und was hat das mit mir zu tun?»

    Eine ungewöhnliche Familiengeschichte und das Psychogramm einer Generation.

    32%
  • Christoph Höhtker Bild in Lightbox öffnen

    Christoph Höhtker für «Alles sehen»

    Der Roman wirbelt zahlreiche Schicksale in Bielefeld erst zusammen und gleich wieder auseinander.

    5%
  • Christian Kracht Bild in Lightbox öffnen

    Christian Kracht für «Die Toten»

    Ein Roman über die Geister, die ständig unter uns sind.

    9%
  • Charles Lewinsky Bild in Lightbox öffnen

    Charles Lewinsky für «Andersen»

    Ein Gedankenexperiment, in dem ein alter Mann als Fötus wiedererwacht.

    24%
  • Michelle Steinbeck Bild in Lightbox öffnen

    Michelle Steinbeck für «Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch»

    Die Abenteuer einer jungen Frau, deren Ängste vor dem Erwachsenwerden buchstäblich lebendig geworden sind.

    27%
  • 862 Stimmen wurden abgegeben

Sendung zu diesem Artikel

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • «Und was hat das mit mir zu tun?»

    Aus Kulturplatz vom 16.3.2016

    Der Zürcher Journalist Sacha Batthyany erfährt durch Zufall, dass seine Grosstante Margit von Batthyany kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs ein Massaker an 180 Juden gutgeheissen hat. Aufgeschreckt macht er sich daran, seine Familiengeschichte zu erforschen und der Frage nachzugehen: «Und was hat das mit mir zu tun?» Aus dieser Recherche ist ein grossartiges Buch entstanden. Batthyany erliegt nicht der Beschwichtigungsformel, die Geschichte doch in Ruhe zu lassen. Er stellt sich vielmehr immer wieder die Frage: «Wie prägen die Taten meiner Familie mein Leben?»

    Sandra Steffan