Verliebt in Pu und die Stimme des Vorlese-Bären Harry Rowohlt

«Pu der Bär» ist was für Kinder – so dachte unsere Autorin als Teenagerin. Sie hatte sich eine Spice-Girls-CD gewünscht, stattdessen bekam sie das Hörbuch mit Harry Rowohlt. Sie war entsetzt. Bis sie zum ersten Mal das grandiose «Rumpeldipumpel» hörte. Eine Liebeserklärung.

Alter Mann hebt seinen Kopf ins Bild, davor ein paar Mikrofone. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Harry Rowohlt konnte mit seiner Stimme sogar pubertierende Spice-Girls-Fans verzaubern. Keystone

Es war Weihnachten 1999 und ich heulte. Ich hatte voller Vorfreude das Geschenkpapier zerrissen, um die lang ersehnte Spice-Girls-CD in den Händen halten zu dürfen – und was kam zum Vorschein? «Pu der Bär» von Alan Alexander Milne. Ich war fassungslos.

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Vorlesetag: «Pu der Bär»

Befragt nach seinem Lieblingsbuch antwortete der Schriftsteller, Übersetzer und Schauspieler Harry Rowohlt stets: «Winnie-the-Pooh».

Radio SRF 2 Kultur bringt den literarischen Klassiker integral zu Gehör. Vorgelesen vom 2015 verstorben kongenialen Rezitator Harry Rowohlt.

«HörPunkt-Vorlesetag» am 2. Januar 2016 von 9.00 bis 21.00 Uhr.

Es erschien mir widerwärtig, dass man meine vorpubertären Pop-Sehnsüchte mit einer Kindergeschichte zu befriedigen versuchte – um nicht zu sagen blasphemisch. «Kinderzeug!» rief ich schniefend und mit Nachdruck. So, dass es auch die alte Grossmutter hörte, die ganz bestimmt Mitschuld an dieser grässlichen Tat trug.

So ein Babymist

«Hör sie dir erstmal an, bevor du hier so rumschreist», meinte meine Mutter gelassen und tischte Filet im Teig auf. Damit war das Thema für sie erledigt. Ich verschränkte die Arme. Niemals, nicht für hundert Franken, würde ich mich herablassen, diesen Babymist zu hören.

Ich war im «Spice up your World»-Modus, verdammt nochmal! Ich hatte keine Zeit für purzelnde Bären und schnuffige Weichspülprosa.

Bis ich seine Stimme zum ersten Mal hörte. Es war ein paar Tage nach dem Geschenk-Vorfall. Draussen lag Matsch, ich langweilte mich, hatte alle «Drei Fragezeichen» zigmal durch und die CD mit dem Bären sah freundlich aus, wohlwollend. «Ich könnte es ja mal versuchen», sagte ich mir und drückte auf Play.

Ein «Play» mit Folgen

«Hier kommt nun Edward der Bär die Treppe hinunter. Rumpeldipumpel auf dem Hinterkopf hinter Christopher Robin.» Rum-pel-di-pum-pel. Ein grausam kindischer Ausdruck in meinen Spice-Girls-verdrogten Ohren. Und doch horchte ich auf: Noch nie hatte ich ein stimmlich so liebevoll umsorgtes Wort erlebt.

Ich drückte die Rewind-Taste. Rum-pel-di-pum-pel. Und dann nochmal. R-u-m-p-e-l-d-i-p-u-m-p-e-l. So etwas Schönes hatte ich noch nie gehört. Die Stimme war auf den Punkt genau. Sie klang wie die Stimme meines Grossvaters, mit Tabak- und Whiskeynuancen und einer wohldosierten Portion Rauheit, die mich kurzerhand und unwiderruflich verzauberte.

Die Stimme flüsterte und galoppierte, rollte und brummte – sie war viel mehr als nur eine Erzählstimme. Sie war Pu der Bär, mit all seinen liebenswerten Ecken und Kanten. Der Matsch war vergessen, die Spice Girls konnten mich kreuzweise. Ich war Harry Rowohlt verfallen.

Brummbär Rowohlt

Harry Rowohlt, Schausäufer, Gauloise-Vernichter, geliebter Zottelkopf der sonst so properen Literaturwelt. Er hatte sich in mein Backfisch-Herz gebrummelt und sitzt bis heute da. Mit den Jahren kamen zahlreiche Tonträger dazu, erst die Stanton-Bücher, dann Anthony Burgess, Gustave Flaubert und die David-Sedaris-Romane.

Und als Höchstes der Gefühle das Ringelnatz-Gedicht «Ich raffe mich auf». Niemand liest es schöner als Brummbär Rowohlt:

«Hei, Wind gemacht! Die Federn stieben. / Den deutschen Seemann schreckt der Seesturm nicht. / Er denkt, den Tod vor Augen, seiner Lieben. / Ach was – Quatsch: Lieben – Bums! / ein Schrank zerbricht.»

In die Gehörgänge katapultiert

Das Gedicht ist laut und gewaltig und Rowohlts Stimme macht sie noch gewaltiger: Sie scheppert und kreischt und – plautsch, päng, schlitterkläng! – verleiht den ungelenken Buchstaben eine Wucht, katapultiert sie schnurstracks in die Hörgänge hinein.

Rowohlt schenkt Wörtern eine Seele. Sie erwachen durch ihn zum Leben und in diesem Augenblick, wo ich diese Zeilen schreibe, würde ich mir angesichts meiner kolportierten Rührseligkeit am liebsten rumpeldipumpel eine reinhauen, aber ich kann nicht. Ich weiss es besser. Niemals, nicht für hundert Franken würde ich meine Rowohlt-CDs heute je wieder aus meinen Händen geben.

Sendung zu diesem Artikel

  • Zeichnung eines Bären, daneben hält eine Hand ein altes Buch hoch.
    Radio SRF 2 Kultur 02.01.2016 09:05

    HörPunkt
    Der «HörPunkt-Vorlesetag»: Pu der Bär

    02.01.2016 09:05

    Befragt nach seinem Lieblingsbuch antwortete der Schriftsteller, Übersetzer und Schauspieler Harry Rowohlt stets ohne zu zögern: «Winnie-the-Pooh». Und tatsächlich gehören die Abenteuer des Bären mit sehr geringem Verstand auf den Literatur-Olymp des 20. Jahrhunderts.