Vom Schützengraben an den Rand der Gesellschaft

Ende des Ersten Weltkriegs, zwei Soldaten kehren heim. Einem fehlt das halbe Gesicht, der andere wäre fast erstickt. Sie erwarten Dank. Doch die Gesellschaft hat keinen Platz für sie. Romanautor Pierre Lemaitre geht mit den Franzosen hart ins Gericht. Trotzdem: Sein Buch ist nicht bitter. Eher böse.

Zwei Männer stehen im Schutz eines Grabens. Der Mann links trägt eine Maske. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Lemaitre beschreibt das Porträt einer verlorenen Generation. Im Bild: Soldaten während der Schlacht bei Verdun 1916. Keystone

Frankreich 1918, wenige Tage vor Kriegsende. Edouard liegt auf dem Schlachtfeld. Ein Schuss hat ihn am Bein verletzt. Er robbt zurück zum Schützengraben. Da sieht er vor sich eine Stahlspitze aus dem Boden ragen. Die Waffe eines Soldaten. Edouard realisiert: Da liegt ein verschütteter Kamerad. Er buddelt. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Er gewinnt und rettet Albert im letzten Moment vor dem Ersticken. Edouard bezahlt jedoch teuer dafür. Eine Granate reisst ihm das halbe Gesicht weg. Er wird in Zukunft ohne Mund, Nase und Kinn leben müssen.

Die Schrecken des Krieges

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Buchinweis

Pierre Lemaitre: «Wir sehen uns dort oben». Aus dem Französischen von Antje Peter. Klett Cotta, 2014.

Nur die ersten Seiten des Romans «Wir sehen uns dort oben» spielen im Krieg. Doch auf diesen wenigen Seiten skizziert Autor Pierre Lemaitre das Elend in den Schützengräben auf eindrückliche Weise. Er beschreibt den Beinahe-Erstickungstod von Albert minuziös – beschreibt ihn so, dass einem beim Lesen die Luft wegbleibt. Er schildert das Leiden im Lazarett, das Loch in Edouards Gesicht und den Gestank, der von der eiternden Wunde ausgeht.

Schonungslos sind diese Schilderungen. Absichtlich schonungslos. Die Lesenden, meint Pierre Lemaitre, sollen die Brutalität des Krieges wenigstens lesend erfahren. Nur so würden sie Mitgefühl entwickeln und das Unrecht verstehen, das den überlebenden Soldaten zuhause widerfährt.

Nach dem Krieg kehren Albert und Edouard zurück nach Paris. Es ist der Beginn einer Freundschaft von zwei Kriegsversehrten aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten. Albert, aus kleinbürgerlichen Verhältnissen stammend, fühlt sich seinem Retter verpflichtet. Edouard, der Künstler aus reichem Hause, weigert sich, mit halbem Gesicht in sein Elternhaus zurückzukehren. Albert nimmt ihn auf, pflegt ihn und versorgt ihn mit Morphium. Nur so kann Edouard seine Schmerzen überhaupt aushalten.

Herzlose Gesellschaft

«Wir sehen und dort oben» ist ein gesellschaftskritischer Nachkriegsroman. Und ein Porträt über eine verlorene Generation. Mit Albert und Edouard hat Pierre Lemaitre zwei Antihelden geschaffen. Sie stehen stellvertretend für alle jungen Männer, die verkrüppelt und traumatisiert von den Schlachtfeldern zurückkehren. Zuhause stellen sie fest, dass sie im Nachkriegsfrankreich keinen Platz mehr haben. Sie finden keine Arbeit, kein Auskommen. Pierre Lemaitre geht dabei hart ins Gericht mit dem französischen Staat, der den heimkehrenden Soldaten, die ihr Leben für Frankreich riskiert haben, keine Perspektive gibt und sie mit einem lächerlichen Almosen aus dem Dienst entlässt.

Lemaitre entlarvt aber auch die Scheinheiligkeit und den Zynismus der französischen Gesellschaft. Den Menschen ist das Schicksal der heimkehrenden Soldaten ziemlich egal. Sie haben genug vom Krieg und wollen die elenden, vom Krieg gezeichneten Gestalten nicht sehen. Viel lieber betrauern sie die Toten und stiften zu ihrem Gedenken Soldaten-Denkmäler. Die gesellschaftlichen und sozialen Verhältnisse jener ersten Jahre nach dem Krieg sind das zentrale Thema des Romans.

Genialer Schurkenstreich

Auch wenn das Thema ernst ist, Pierre Lemaitre macht aus dem Stoff einen Schelmenroman. Die beiden Antihelden Albert und Edouard rächen sich mit einer cleveren Betrügerei an der Gesellschaft, die sie verstossen hat.

Der Roman lebt von witzigen Einfällen und den pointiert skizzierten und manchmal überzeichneten Figuren. Ein Schurke ist ein richtig böser Schurke; der pingelige Beamte ist nicht nur extrem pingelig, sondern auch noch griesgrämig und schmutzig. Und der Bankier ist sehr reich und sehr kaltherzig. Das müsse so sein, sagt Pierre Lemaitre. Ein Unterhaltungsroman brauche Überzeichnung und starke Kontraste.

Schelmenroman und Krimi zugleich

Viel zur Komik in diesem Roman trägt auch die Erzählerfigur bei. Sie benimmt sich wie ein Gott im Olymp. Sie kommentiert und beobachtet amüsiert, was die beiden Antihelden und ihr Gegenspieler treiben. Es sei das Privileg des Autors, sich wie ein griechischer Gott zu fühlen und nach Lust und Laune in das Geschehen einzugreifen. Er habe beim Schreiben viel gelacht und eine diebische Freude an seinen Figuren gehabt, sagt Pierre Lemaitre.

«Wir sehen uns dort oben» ist ein Schelmenroman, gebaut ist er aber fast wie ein Krimi. Das kommt nicht von ungefähr. Pierre Lemaitre ist in Frankreich ein bekannter und erfolgreicher Krimiautor. Er ist ein Meister im Aufbauen von Spannung, dem Setzen von falschen Fährten. Und genau das tut er auch hier, in seinem ersten Nicht-Krimi, für den er den Prix Goncourt 2013 erhalten hat.

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