Urs Faes Von der heilenden Wirkung des Erzählens

In seinem neuen Buch «Halt auf Verlangen» lernen wir Urs Faes von seiner persönlichsten Seite kennen: Eine Krebsdiagnose zwingt ihn, sich selbstkritisch und radikal seinem bisherigen Leben zu stellen. Entstanden ist ein eindringlicher, hochliterarischer Text.

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Bildlegende: Urs Faes über die heilende Wirkung des Schreibens. SRF / Lukas Maeder

Manchmal schreibt das Leben die unglaublichsten Geschichten. 2010 arbeitet Urs Faes während längerer Zeit im Kantonsspital Aarau – als Beobachter im Institut für Radio-Onkologie; seine Aufgabe besteht darin, dem medizinischen Personal über die Schulter zu schauen, Patienten-Gespräche mitzuhören und Rückmeldungen zu geben. Im Nachgang dazu entsteht sein Roman «Paarbildung».

Kurze Zeit später wird das Schicksal «Krebs» auch für ihn Realität.

«Er war einer gewesen, der von anderen erzählte, von Einzelnen, die gefährdet waren, durch Ausgrenzung, durch Pauschalisierung, durch Verluste, durch Krankheit», heisst es im Buch. Jetzt war er selber gefährdet: durch diese Krankheit.

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Buchhinweis

Urs Faes: «Halt auf Verlangen – ein Fahrtenbuch», Suhrkamp 2017

Wörterwartebuch

Er habe eine nie gekannte Verunsicherung erlebt, erinnert sich Urs Faes heute an jene erste Zeit nach der Diagnose:«Ich hatte das Gefühl, als komme mir der eigene Körper abhanden.»

Halt gibt ihm damals der Stift, mit dem er auf seinen täglichen Tramfahrten zur Strahlentherapie Notizen in ein Heft macht. Er nennt es im Buch «sein Alltagsfahrtenjournal, sein Wörterwartebuch» oder «sein Anschreibeheft».

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Bildlegende: «Du wehrst dich mit Worten gegen das Entschwinden deines Lebens.» Keystone

Abstecher in die Kindheit

Zweimal 27 Minuten dauern die täglichen Pendelfahrten quer durch die Stadt. Urs Faes hält unterwegs Beobachtungen und Gedanken fest, macht seiner Seele Luft, gibt sich seinen Erinnerungen hin. Eindrücke von früher steigen hoch, Fragmente aus Kindheit und Jugend; Gelebtes und Ungelebtes; Schmerzhaftes und Beglückendes.

Und immer wieder tauchen auch Frauen auf: Ruth, Mele, Iris, Meret oder Simone. Einige sind uns Leserinnen bestens vertraut – aus früheren Romanen. Und selbst im Kopf des Dichters scheinen sich Fiktion und Realität oft zu vermischen.

Urs Faes zeigt sich hier als sensibler, selbstkritischer Betrachter des eigenen Lebens und reflektiert den unausweichlichen Werdegang zum Schriftsteller. Er schrieb auf, was er sah, und wusste früh, dass nicht das, was er sah, ihn bewegte, sondern das, was in seiner Phantasie sich entwickelte.

Die heilende Wirkung des Schreibens

Urs Faes hat schon als Junge die heilende Wirkung des Schreibens kennengelernt. In jenen frühen Jahren, als er zuweilen – in der Stummheit seines Elternhauses – fast zu ersticken drohte.

Und auch jetzt findet er im spontanen Formulieren eine Möglichkeit, die eigene Verzweiflung zu bannen: «Du wehrst dich mit Worten gegen das Entschwinden deines Lebens, als könntest du aufhalten, was sich verlieren will.»

Kein Krebs-Tagebuch

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«Halt auf Verlangen – ein Fahrtenbuch» ist aber kein klassischer Krebs-Bericht. Wir erfahren wenig über die Umstände der Krankheit und die damit verbundenen Einschränkungen.

Die existentielle Situation zwingt Urs Faes vielmehr, Zwischenbilanz zu ziehen und sich seinen bisherigen 70 Jahren zu stellen. Er tut dies in einer dichten, bildhaften, poetischen Sprache; wird dabei nie larmoyant oder selbstgerecht, sondern lässt uns teilhaben an eigenen Fragen, Zweifeln, Schmerzen.

Eine Allgemeingültigkeit

Kunstvoll hat er seinen Text – auf der Grundlage seiner Notizen – komponiert, hat seine Erfahrungen literarisch verarbeitet, hat Metaphern und Bilder gefunden und diese in einer bewundernswerten Leichtigkeit ineinander gefügt. So folgen wir ihm spielend durch Zeit und Raum, durchmessen Vergangenheit und Gegenwart, lassen uns vom Rhythmus der Tramfahrten mitreissen, der sich überträgt in den Text.

Kein Wort steht da zufällig, und doch wirkt das Erzählte nie konstruiert. Darin zeigt sich die grosse Qualität dieses Schriftstellers: Urs Faes ist fähig, sich von seiner eigenen Betroffenheit zu distanzieren und eine Allgemeingültigkeit zu erzielen, in der sich viele Menschen in Krisensituationen wiedererkennen können.

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