Wenn Pedro Lenz um Mitternacht auf einem Pass liest

Gestern Sonntag ging das Literaturfestival Leukerbad zu Ende: Autorinnen und Autoren lasen während drei Tagen an ungewöhnlichen Orten – in einem alten Bahnhofswartesaal, einem Hallenbad-Bassin oder auf 2300 Metern Höhe. Vier Begegnungen, die einen bleibenden Eindruck hinterliessen.

Besucher des Literaturfestivals Leukerbad gehen an eine Lesung. Im Hintergrund ist das Daubenhorn. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Mit Blick vom Gemmipass zum Daubenhorn: Besucher strömen zur Mitternachtslesung von Pedro Lenz. Keystone

Eine spontane Begegnung: Pedro Lenz steht auf dem Dorfplatz und raucht eine Zigarette. Am Abend, um Mitternacht, hält er eine Lesung auf dem Gemmipass. Auf einer Höhe von 2350 Metern.

Ehrfürchtig folgen wir mit den Augen dem Seil der Bahn. Wir philosophieren über Leukerbad, freuen uns über das schöne Wetter und die tolle Kulisse für das Literaturfestival. Stellen aber fest, dass die Berge hier unglaublich nah sind. Was macht das mit den Menschen? Pedro muss noch einen Text fertig schreiben, während wir die Hotelbar «Les Sources des Alpes» suchen.

Eine differenzierte Meinung

Eine beeindruckende Begegnung: Adonis, der wohl wichtigste arabische Dichter, liest und spricht in einer gemütlichen, im englischen Stil eingerichteten Bar. Die Sessel sind weich. Wir könnten uns hinein fläzen, tun es aber nicht. Aufmerksam lauschen wir Adonis' Stimme.

Ali Ahmad Said Esber sitzt auf einem Sofa. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der syrische Schriftsteller Ali Ahmad Said Esber tritt unter dem Künstlernamen Adonis auf. Keystone

Es ist die Stimme eines 85-jährigen Mannes. Einer, der viel gesehen und gehört hat, der klare Worte findet zur Radikalisierung des Islam. Der eine differenzierte Meinung vertritt und sagt, die Arabische Revolution schaffe anstelle einer zivilen Gesellschaft eine religiöse, die wesentlich radikaler sei als diejenige in der Vergangenheit.

Desillusioniert ist er deswegen nicht: «Für mich ist der Mensch dazu da, die Welt schöner zu gestalten», sagt er. «Der Mensch ist nicht dafür geschaffen, instrumentalisiert zu werden. Deswegen glaube ich an den Menschen.» Erfüllt von diesen Worten machen wir uns auf den Weg zur «Galerie St. Laurent».

Deborah Feldman steht vor einem Holzhaus in Leukerbad. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: In Freiheit: Deborah Feldman, die in einer der strengsten jüdischen Gemeinden lebte, in Leukerbad. Keystone

Ohne familiäre Unterstützung

Eine erschütternde Begegnung: Deborah Feldman erzählt aus ihrer ganz persönlichen Lebensgeschichte. Die eher nüchternen Räume der Galerie lassen die Erfahrungen der 30-jährigen Frau umso deutlicher erscheinen.

In ihrem Buch «Unorthodox» beschreibt Deborah Feldman, wie sie sich aus den Fesseln einer ultraorthodoxen jüdischen Gemeinde, die die strengsten Regeln weltweit hat, befreit hat. Zugleich ist es die berührende Geschichte einer jungen Frau auf dem Weg zur Selbstbestimmung – mit der Entscheidung, diesen Weg auch ohne familiäre Unterstützung zu gehen. Nicht nur wir hören gebannt zu.

Ein sympathischer Benedict Wells

Wieder draussen, auf dem Dorfplatz, treffen wir Benedict Wells. Der junge Autor ist mit seinem Roman „Vom Ende der Einsamkeit“ seit Wochen ganz oben auf den Bestsellerlisten. Mit viel Einfühlungsvermögen erzählt er die Geschichte dreier Geschwister, die mit dem Verlust ihrer Eltern fertigwerden müssen.

Sehr bescheiden und doch selbstbewusst ist Benedict Wells. Seine strahlenden Augen verraten immer noch leichte Überraschung über seinen grossen Erfolg beim Publikum und den Kritikern. Gerade erst wurde Benedict Wells mit dem European Union Prize for Literature 2016 ausgezeichnet. Ein gerüttelt Mass Internationalität im kleinen Bergdorf. Und eine grosse Portion Herzlichkeit.

Sendung: Radio SRF 1, Morgenprogramm, 2. Juli 2016, 6:50 Uhr.