Wer im «Ungewissen Manifest» blättert, erlebt wahre Wunder

«Ungewisses Manifest» ist das Lebensprojekt eines Besessenen. Fédéric Pajak kombiniert darin Tuschezeichnungen und Texte zu einer neuen literarisch-künstlerischen Ausdrucksform. Neun Bände auf Französisch sind geplant, der erste ist nun auf Deutsch erschienen. Aufklappen und träumen!

Fédéric Pajak, französisch-schweizerischer Doppelbürger, ist ebenso Schriftsteller wie Zeichner. Sein «Manifest» ist kein Comic, kein Bilderbuch, kein illustrierter Roman. Pajak hat eine neue Art Buch erfunden. Er kombiniert Texte und Tuschezeichnungen auf ganz eigene Art. In der Regel steht auf einer Seite oben eine Zeichnung und unten ein Text.

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Buchhinweis

Fédéric Pajak: «Ungewisses Manifest 1 – mit Walter Benjamin, versehrter Träumer in der Landschaft, aus dem Französischen von Ruth Gantert.» Edition clandestin, 2016.

Pajak versteht Schreiben und Zeichnen als zwei selbständige Sprachen, die sich ergänzen, illustrieren oder widersprechen können. Er sucht die Spannung zwischen Text und Bild. Er erzählt keine zusammenhängende Geschichte. Im Unterschied zum Comic gibt es bei ihm weder Hauptfiguren noch Dialoge. Ob er schreibt oder zeichnet, er montiert Fragmente und Zitate, die untereinander vielfältige Beziehungen eingehen und viel Raum lassen für die Fantasien der Lesenden. Fast jede Buchseite ist eine Station, die einen Zwischenhalt ermöglicht. Entspannte Lesehaltung ist also angesagt. Das Buch sinken lassen, Worte und Bilder nachwirken lassen, sich den eigenen Träumen hingeben. Wahre Wunder sind dabei zu erleben.

Blättern im Buch

Was in die Augen fällt, sind die Zeichnungen. Pajak beginnt autobiografisch. «So wurde ich in Korsika gezeugt und kam als Zangengeburt in einem Studentenspital in Suresnes zur Welt. Meine Mutter studierte an der Sorbonne. Mein Vater leistete Militärdienst in Versailles. Mich steckte man in eine Krippe, wo ich weder schlief, noch ass, noch spielte.» Schliesslich wurde er von seiner Grossmutter väterlicherseits in Strassburg aufgenommen. Diese Grossmutter hat ihn gerettet, hat ihn geliebt, und er hat sie geliebt. Hier ist sie, die Grossmutter:

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Pajak brach die Schule ab. Er arbeitete als Taglöhner auf dem Bau, putzte Öltanks, schleppte Tierkadaver: «entwürdigende Arbeiten. Mit meinen schulterlangen Haaren, den zu zarten Händen und meiner unmännlichen Erscheinung war ich Mädchen für alles, die kleine Aushilfsschwuchtel, schlimmer noch: Man nannte mich den ‹Studenten›».

Er verschlang Bücher – und fand Geistesverwandte

Nicht zu Unrecht nannte man ihn so, denn er arbeitete, um sich das Geld für die Zeiten der Lektüre zu verdienen. Er las zwei bis drei Bücher täglich, unersättlich. Das «Ungewisse Manifest» ist das Buch eines Lesers. Beim Lesen fand er Geistesverwandte, Freunde und Gegner. Einer davon ist der Literaturkritiker, Schriftsteller und Theoretiker Walter Benjamin, der 1892 in Charlottenburg geboren wurde und sich 1940 auf der Flucht vor den Nationalsozialisten umgebracht hat. Walter Benjamin steht, neben Pajak selbst, im Zentrum von Band eins des «Manifest». Und so sieht er aus, dieser Walter Benjamin:

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Schon in den 1920er-Jahren beobachtete Walter Benjamin die Menge. Er hatte das Gefühl die dumpfe Masse stehe unter einer Spannung, die «Funken schlagen» und eine «Feuersbrunst» entfachen könnte. Er spürte hinter den Massenfesten und Demonstrationen Entsetzen und Schrecken. Haben wir – zu Recht? Zu Unrecht? – ähnliche Gefühle, wenn wir im Fernsehen Bilder von Dresdner Demonstrationen sehen oder von SVP-Abstimmungserfolgen hören?

Schiffbrüchiger und Lumpensammler

Pajak erfindet Figuren, die zu Walter Benjamin und zu ihm selbst passen. Hier ist eine:

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In den 1930er-Jahren irrte Benjamin in Europa herum. Sein Leben, sein Denken, sein Schreiben war von fieberhafter Unrast gekennzeichnet. «Zertrümmertes Leben», sagt Pajak und meint auch sein eigenes. Ist unser Leben einheitlicher? Logischer? Kommt uns dieser Schiffbrüchige nicht bekannt vor? Das liegt auch daran, dass Pajak sich bewusst in die Tradition der Radierungen des 18. und 19. Jahrhunderts stellt – und gleichzeitig doch moderne Zeichnungen macht. Er sucht auch hier die Spannung.

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Auch der Lumpensammler ist ein Porträt von Benjamin und von Pajak. Beide sammeln Zitate, «Gedankenabfall», und setzen die Fundstücke neu zusammen.

Alte Zeiten, neue Zeiten

Der Umgang mit den Überbleibseln naher und ferner Vergangenheit schafft eine intensive Beziehung zur Zeit.

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Pajak und Benjamin erleben beide, der eine auf Sizilien, der andere auf Ibiza, eine lebendige Antike, die mit der Moderne in einem irritierenden Kontrast steht. Benjamin hatte das Gefühl, dass die Erniedrigten, Beleidigten und Misshandelten der Vergangenheit ihm den Auftrag gegeben haben, sich mit ihnen zu befassen, das heisst ihr Schicksal zu schildern und Entwürfe einer besseren Welt zu entwerfen. Benjamin sagte: «Ist dem so, dann besteht eine geheime Verabredung zwischen den gewesenen Geschlechtern und unserem. Dann sind wir auf der Erde erwartet worden.» Und Pajak sagt dazu: «Das ist Benjamins jüdischer Messianismus».

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Benjamin lebte zur Zeit des Nationalsozialismus, der sich «tausendjähriges Reich» nannte. War die SS ist ein homoerotischer Männerbund? Der Missbrauch einer schönen, vielleicht tausendjährigen Sehnsucht?

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Gelegentlich gelingen Pajak Hammersätze, sogar bei einem so alten Thema wie das Altern und die Zeit: «Wachsen und älter werden, das ist nicht dasselbe. Man kann immer wachsen oder schrumpfen, wahlweise. Man kann nicht älter oder jünger werden. Wenige Alte wachsen, alle werden älter.»

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Wie das alles – und so vieles mehr, das in dem Buch noch erscheint – zusammenhängt? Den einen, grossen Zusammenhang gibt es nicht, aber viele mögliche Verbindungen von Gedanke zu Gedanke und von Bild zu Bild und von Bild zu Gedanke und von Gedanke zu Bild. Dieses Buch entsteht in den Abschweifungen der Lesenden. Es ist ja ein Manifest für das Ungewisse.

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