Wie abgepaust: Der neue Roman von Jonas Jonasson

Der neue Jonas Jonasson ist da. Mit seinem Erstling hatte der Schwede einen Riesen-Bestseller gelandet. Die Erwartungen an seinen zweiten Roman sind hoch, vielleicht zu hoch: Zwar interessant angelegt, bietet «Die Analphabetin, die rechnen konnte» aber wenig Neues.

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Bildlegende: Jonas Jonassons neues Buch wirft die Frage auf, ob über Apartheid überhaupt so locker-flockig geschrieben werden darf. Jonas Jonasson

Nambeko Mayeki heisst die junge Afrikanerin, um die es im neuen Roman «Die Analphabetin, die rechnen konnte» von Jonas Jonasson geht und die sofort interessiert. Die Geschichte beginnt in Südafrika, in den 1960er und 1970er Jahren. Nambeko ist zwölf Jahre alt und lebt in Soweto, den Townships südwestlich von Johannesburg.

Seit ihrem dritten Lebensjahr arbeitet sie hart, um zu überleben. Doch dank ihrer «Berufserfahrung als Latrinentonnenträgerin» – dem täglichen Herumkarren von Scheisse, um es als das auszudrücken, was es wirklich ist – wird sie mit zwölf Jahren zur Chefin der Latrinenverwaltung in Sektor B von Soweto befördert.

Drei Jahre kann sie diesen Job halten. Doch dann wird ihr gekündigt. Ihre Eigeninitiative und ihr Erfolg bei der Optimierung des Latrinenwesens passen dem dafür zuständigen, weissen Funktionär nicht.

Von Südafrika nach Schweden

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Jonas Jonasson

Geboren 1961. Er arbeitete zuerst als Journalist und gründete eine eigene Medien-Consulting-Firma. 20 Jahre später schrieb er den Roman «Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand». Der weltweite Bestseller ist inzwischen in 23 Sprachen übersetzt und wird derzeit verfilmt.

Doch Nambeko ist das egal. Wie es der Zufall will, hat sie in der Zwischenzeit lesen und schreiben gelernt. Und wie es der Zufall auch will, ist sie in Besitz von einigen Rohdiamanten gelangt. Mit dieser Zukunftsversicherung macht sie sich nun, an ihrem 15. Geburtstag, auf den Weg in ein besseres Leben. Doch schon 24 Stunden später wird sie auf einem Trottoir in Johannesburg von einem alkoholisierten Holländer überfahren. Und überlebt.

Zeitgleich, respektive mit zeitlichem Vorlauf, ereignet sich viele 1000 Kilometer weiter nördlich eine nicht minder fantastische – oder besser gesagt: fanatische – Geschichte. Ein Anhänger des Königshauses wird nach einer unglücklich verlaufenen Begegnung mit dem Schwedischen König zu einem Königshaus-Hasser.

Er will den König entmachten und zeugt, um sein Lebensziel über seinen Tod hinaus weitergeführt zu wissen, einen Sohn. Geboren werden Zwillinge: Holger 1 und Holger 2. Und wie es der Zufall ein weiteres Mal will, werden sich neun Jahre später die Lebenswege von Nambeko Mayeki und Holger 2 in Schweden kreuzen.

Vieles kommt sehr bekannt vor

«Die Analphabetin, die rechnen konnte» ist keine literarische Überraschung. Jonas Jonasson erzählt uns darin wieder – wie im «Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand» – eine Lebensgeschichte, die von einer Aneinanderreihung unglaublichster Zufälle geprägt wird.

Aber leider sind hier diese Zufälle so unglaublich, dass die Geschichte in sich nicht mehr stimmig ist. Das ist schade. Umso mehr, als sich Jonas Jonasson an ein grosses Thema heran gewagt hat: an den Fundamentalismus in all seinen Facetten. Und umso mehr, als die Hauptfigur in «Die Analphabetin, die rechnen konnte» äusserst interessant angelegt ist.

Die Romananlage mit zwei Lebensgeschichten, die sich parallel entwickeln und sich dann in Schweden kreuzen, wäre konzeptionell nicht schlecht. Aber Jonas Jonasson kopiert ganze Handlungsmuster und Figurenkonstellationen aus dem «Hundertjährigen,» quasi eins zu eins. Wie bereits in seinem Erstling ist auch in seinem zweiten Roman eine Gruppe schräger Leute auf der Flucht vor Polizei und Gangstern, mit viel Geld im Gepäck und etwas sehr grossem im Schlepptau.

Apartheid und ironischer Sprachwitz

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Buchhinweis

Jonas Jonasson: «Die Analphabetin, die rechnen konnte.» Carl's books, 2013.

Auch sprachlich bietet «Die Analphabetin, die rechnen konnte» nichts Neues. Jonasson schreibt wie bereits im «Hundertjährigen» knapp und treffend, mit Sprachwitz und vielen Pointen. Seine ironische Sprechhaltung funktioniert gut, wenn es um das Schwedische Königshaus geht; aber auch in den Passagen, die in Südafrika spielen. Gerade weil diese Sprache im Kontext mit der Apartheid irritiert und die Ungerechtigkeit und Willkür dieses Regimes vor Augen führt. Doch wirft sie auch die Frage auf: Darf über Apartheid witzig, locker, flockig geschrieben werden?