Aus Antony wurde Anohni – die tieftraurige Stimme blieb

Sie lebte früher als Antony Hegarty und war der Kopf der Band Antony and the Johnsons. Dann wurde Antony zu Anohni – und aus ihrer Identitätssuche wurde eine Anklage über den Zustand der Welt.

  • Der in England geborene Sänger Antony Hegarty hat sein Leben lang das Leid seiner Geschlechtsidentität besungen.
  • Nun haben sich die Themen geändert: Auf dem neusten Album «Hopelessness» besingt Anohni Themen wie Krieg und Überwachungsstaat.
  • Entstanden ist ein aussergewöhnliches Album, dessen Eifer auch etwas platt anmutet.

Die USA auf der Anklagebank

Ihr Gesicht ist tränenüberströmt, die Lippen perfekt geschminkt und ihre mandelförmigen Augen fixieren uns und sie singt: «Choose me tonight, let me be the one that you choose tonight.»

Die Tränen gehören dem Supermodel Naomi Campbell. Die Stimme der Sängerin Anohni, die den Song geschrieben hat. Die Songzeilen sind aber keine Verführung, sondern eine Anklage gegen die USA, die Drohnen losschickt, um ihre Feinde zu töten.

Mann vor einem Mikrofon, Hintergund ist schwarz. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: So schön klingt das Elend der Welt nur bei Anohni. Reuters

Pathos und Provokation

«Drone bomb me» heisst der Titel des Liedes. Es ist die provokative Aufforderung an den amerikanischen Militär- und Überwachungsapparat, von einer Drohne aufgespürt und getötet zu werden.

Anohnis säuselnde Stimme, Campbells räkelnder Körper und die repetitiven Textzeilen machen aus diesem Song eine seltsame Mischung aus Schnulze, Pathos und Provokation. In der Popmusik eine seltene Kombination. Kann man sich wünschen, getötet zu werden?

Niemand singt so schön Verzweiflung

Sind Naomi Campbells Tränen die eines afghanischen Mädchens, die aus Verzweiflung nur noch sterben will, weil ihre gesamte Familie ausgelöscht wurde? Es sind solche Fragen, die man sich stellt, während man dem monotonen Beat dieses Songs folgt.

Ein steiler Aufstieg

Der Sänger Antony Hegarty hat sein Leben lang in gleichem Ton, das Leid seiner Geschlechtsidentität besungen. Im falschen Körper geboren zu sein, war sein Leitthema, die Verzweiflung in seiner Stimme der Nährboden für seinen Erfolg in der New Yorker Subkultur der 90er Jahre.

Lou Reed, die Wachowski-Brüder, Björk, Marina Abramovic: Sie alle griffen auf diese melodramatische Stimme zurück. Der Karriere von Antony and the Johnsons war eine Pop-Erfolgsgeschichte.

Das Leid dieser Welt

In England geboren und in Kalifornien aufgewachsen, kommt der transsexuelle Junge Hegarty nach New York und findet zwischen Dragqueens und anderen Transsexuellen seine ganz eigene Stimme.

Doch seit aus Antony dieses Jahr Anohni wurde, geht es nicht mehr nur um die innere Verzweiflung, sondern um das äussere Leid dieser Welt.

Im Eifer etwas platt

Mutter Erde wird ausgesaugt, Krieg, Terror, Verwüstung und die menschliche Gier, sind die grossen Zerstörer, die mit der immer gleichen Stimme besungen werden. Mit der Klärung der Geschlechterfrage scheint sich ihr Blick auf die Welt zu richten.

Konsequent textet Anohni in ihrem jünsten Album «Hopelessness» gegen Klimaerwärmung, Drohnenkrieg und Überwachungsstaat. Das macht das Album aussergewöhnlich, doch in seinem Eifer auch etwas platt.

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Ausstellung

Vom 23. Juli bis zum 16. Oktober 2016 zeigt die Kunsthalle Bielefeld die Ausstellung «Anohni. My Truth». Teile der Ausstellung wurden von der Künstlerin selbst kuratiert.

Abgesang auf Obama

Anohni rechnet ab mit der Obama-Administration. In einer Art Lamento wird der noch amtierende Präsident besungen. Dabei werden alle Hoffnungen, die in ihn gesetzt wurden, weggewischt.

«All hope drained from your face» hört man da. Das Album «Hopelessness» zeichnet eine einzige düstere Zukunftsvision.

Für Mobilnutzer, die das Video nicht sehen: Hier geht's zum Film.

Sendung zu diesem Artikel

  • SRF 1 21.09.2016 22:25

    Kulturplatz
    Identität - «Kulturplatz» bei Wilhelm Tell

    21.09.2016 22:25

    Identität - die Essenz des Ichs, und doch eine variable Grösse, wandelbar, manipulierbar. Identität reizt unwiderstehlich zur künstlerischen Auseinandersetzung. An den Altdorfer Tellspielen fragt «Kulturplatz», wie identitätsstiftend der Mythos vom Widerstandshelden in der heutigen Schweiz noch ist.