Camille O'Sullivan: Ein Chamäleon – oder doch eine Verrückte?

Sie war einst erfolgreiche Architektin. Heute ist Camille O'Sullivan eine preisgekrönte Sängerin und Entertainerin – und legt Shows hin, die das Prädikat «abgefahren» mehr als verdienen. Dass sie heute auf der Bühne steht und keine Pläne zeichnet, ist auch einem schrecklichen Unfall geschuldet.

Camille O'Sullivan auf der Bühne. Sie trägt einen Schleier. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Camille O'Sullivan entdeckte früh die Liebe zur Musik. Getty Images

Die mehrfach preisgekrönte Sängerin und Entertainerin Camille O'Sullivan zieht mit feinem Gespür fürs Theatralische die Zuhörer in ihren Bann. Sie durchlebt in jedem Song neue Aspekte ihrer Selbst – Fragilität, Stärke, Traurigkeit, Spass und Wut.

Im aktuellen Programm widmet sich die Irin Klassikern von Jacques Brel, Kurt Weill, aber auch ausgesuchten Songs von Bob Dylan, Nick Cave und David Bowie. Mit ihren drei Begleitern an Klavier/Trompete, Piano und E-Gitarre macht das Bühnenwunder aus freier Improvisation und bizarren Gitarrensoli eine abgefahrene Show.

Früh übt sich

Die Mutter, französische Malerin, und der Vater, irischer Rennfahrer, lernen sich in Monte Carlo kennen und ziehen nach London. Dort kommt Camille 1974 zur Welt. Der Vater gibt das Rennfahren auf und steigt ins Immobiliengeschäft ein. Als Camille zwei ist, zieht die Familie nach Irland in die Nähe von Cork. Camille macht Ballett und liebt die aus Klassik, Chansons und Rock bestehende Schallplattensammlung ihrer Eltern. Das Schultheater ist für sie eine «perfekte Einführung ins Schauspiel».

Zunächst wird sie erfolgreiche Architektin. Die Arbeit führt sie in den 1990er-Jahren nach Berlin. Sie hört Lieder von Kurt Weill und Hanns Eisler. «Das hat mich umgehauen», sagt Camille, «als ich zum ersten Mal das provokative und politische Element dieser Lieder entdeckte – dieses Theatralische erinnerte mich an Shakespeare und Beckett.»

Singen ist wie Geschichten erzählen

Zurück in Irland lernt Camille die Schauspielerin und Regisseurin Agnes Bernelle aus Berlin kennen. «Sie war so um die 70 und sang Lieder von Eisler und Weill mit einer erstaunlichen Präsenz», sagt Camille. Die beiden treffen sich regelmässig in einem Theater in Dublin, Agnes Bernelle wird Camilles Mentorin.

Camille zweifelt an ihren Fähigkeiten als Sängerin. Agnes gibt ihr zu verstehen, dass es nicht ums perfekte Singen gehe. Das Erzählen einer Geschichte stehe im Vordergrund und den Liedern müsse Leben eingehaucht werden. «Mit diesen Worten», so Camille, «hat Agnes eine Tür in meinem Kopf geöffnet.»

Lebensbedrohlicher Unfall

Eine Weile arbeitet Camille O’Sullivan als Sängerin und Architektin. Doch ein fürchterlicher Autounfall 1999 ist ein Wendepunkt in ihrer Karriere. «Ich musste ganz von vorne anfangen, lernen, meine Hände zu bewegen und zu laufen. Für mich begann ein neues Leben. Mir wurde bewusst, ich habe nur dieses eine Leben und wenn ich singen und Entertainerin sein will, dann jetzt.»

Das Publikum ist für Camille die eigentliche Schule. Auf der Bühne müsse etwas Mächtiges, Magisches passieren, erklärt sie. Sehr sensibel muss sie die Reaktion der Zuschauer beobachten und eine Vertrauensbasis aufbauen. Dann wird die Bühne zu ihrem realen Leben. Die Verbindung zum Publikum darf nie abbrechen, Gefühle müssen wahr und authentisch sein. Die Show ist für die Künstlerin noch immer eine Herausforderung.

Sie fühlt, was sie singt, und singt, was sie fühlt

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Auftritt in der Schweiz

Camille O'Sullivan spielt am 8. Dezember im Moods, Zürich.

«Die einen denken, ich sei ein Chamäleon auf der Bühne, die anderen halten mich für total verrückt», so Camille, die irisches und französisches Blut hat. Wie ein Kind lebt sie verschiedene Gemütslagen auf der Bühne. «Die Iren haben schwarzen Humor und lieben melancholische Songs», sagt die 39-jährige. «Die Franzosen hingegen sind eben sehr emotional.»

Egal ob Rock, Chanson oder politische Songs – dramatische Geschichten halten alle Lieder zusammen, so Camille O’Sullivan. Die zeitgenössischen Songs sieht die Interpretin als moderne Version von Brel, Weill und Eisler. «Auf dieser Tour interpretiere ich beispielsweise einen Tom-Waits-Song und rutsche auf allen Vieren über den Boden. Das Publikum soll sich fragen, was macht sie denn da schon wieder. Ich will die Zuschauer überraschen und mich selbst auch.»