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Musik Charlie Watts – die Groovemachine der Stones wird 75

Über den Stones-Schlagzeuger ist alles gesagt: Dass er lieber Jazz spielt als Rock, dass er als Snob gilt und sich gut kleidet, dass er kein Handy besitzt und dass er Mick Jagger einmal eine reingeknallt hat. Warum er aber so groovt wie er groovt, das wissen nur wenige. Hier des Rätsels Lösung.

Watts mit Hemd und Weste, schaut über eine Sonnenbrille in die Kamera.
Legende: Charlie Watts ist nicht so laut, wie seine Kollegen bei den Rolling Stones – aber nicht weniger umtriebig. Getty Images

Beobachtet man Charlie Watts beim Spielen, so fallen ein paar merkwürdige Dinge auf: Sein Kopf ist weit nach links gedreht, die rechte Schulter ist etwas hochgezogen, und bei jedem Snare-Schlag fällt er fast vom Stuhl.

Mann mit weissem Haar am Schlagzeug.
Legende: 75 Jahre – ja, und? Im Gegensatz zu Jagger und Co. steht Watts zu seinen weissen Haaren. Getty Images

Sieht nicht locker aus, ist es aber

Das ist kein Witz, das ist eine Tatsache. Der fällt wirklich fast von Stuhl, während seine rechte Hand eine Bewegung macht, die man nicht erwartet und die irritiert. Wie auch immer: Lockerheit geht anders, ist man versucht zu sagen, und trotzdem kann ich versichern, dass Charlie Watts der lockerste Schlagzeuger der Welt ist, sonst bekäme er diesen Groove gar nicht hin.

Schon als Typ ist er locker. Ein Freund von mir hat ihn kennengelernt. Der kann das bestätigen. Das war so: Dieser Freund von mir fuhr vor Jahren mit einem weiteren Freund nach England. Sie reisten durchs Land und kamen auch bei so einem Pferde-Tralala vorbei. So was für ganz Reiche, wo die Queen auch ist, und alle tragen Hüte. Dort setzten sich die beiden in ein Pub und tranken ein Bier an der Bar.

Der einsame Musiker in der Ecke

Der Freund von meinem Freund, ein grosser Musikbanause und noch grösserer Menschenfreund, entdeckte in der Ecke des Pubs einen Gentleman im Dreireiher, der ihn dauerte, weil er so alleine war. Er ging zu ihm rüber und sprach ihn an. Ob er denn auch so ein Rösseler sei, wollte er wissen, doch der andere sagte, nein, nein, seine Frau sei mehr «into horses». Was er denn so mache beruflich. Musiker sei er, er spiele Schlagzeug in einer Band. Soso.

Der Freund meines Freundes war zufrieden und ging zurück zur Bar. Stell dir vor, sagte er, ein Musiker ist das, und sitzt hier rum unter all den stinkreichen Leuten. Hat wohl gut geheiratet. Mein Freund, ein grosser Stones-Fan, sass derweil an der Bar und biss sich in die Lederjacke. Der Gentleman aber blieb in seiner Ecke sitzen, grinste rüber und amüsierte sich königlich.

Bum Zäck Bum Zäck und dreimal Zzz

Aber zurück zum Groove: Lockerheit ist die eine Sache, die ihn auslöst. Die andere ist diese unerwartete und irritierende Handbewegung. Und das ist der Trick: Normalerweise schlägt ein Rockschlagzeuger viermal auf die Hi-Hat, während er je einmal auf die Bass- und auf die Snaredrum haut. Das gibt diesen typischen Rockbeat. Oder für Nichtschlagzeuger: man spielt Bum Zäck Bum Zäck und pro Bum Zäck viermal Zzz. Normalerweise. Nicht so Charlie Watts. Der spielt nur dreimal Zzz und macht dafür sein Zäck allein.

Oder für Schlagzeuger: Charlie Watts lässt jeden dritten und siebten Hi-Hat-Schlag im Takt aus und spielt den Schlag auf die Snaredrum solo. Dadurch kommt die Snaredrum besser raus, klingt satter und prägnanter, und es groovt mehr. Es ist eben nicht die Stimme, die den Sound einer Band definiert. Es ist die Snaredrum. Das weiss Charlie Watts. Und die Herren Jagger, Richards und Wood sollten ihm auf den Knien dafür danken.

1982 hab ich ihn erwischt

Mir ist dieser Trick auf der 82er-Tournee aufgefallen. Und zwar im dritten Song des Abends, bei «Let’s Spend the Night Together, Link öffnet in einem neuen Fenster». Gleich am nächsten Tag probierte ich es aus. Es ging. Und klang viel besser. Und seither mach ich's nur noch so. Was ich allerdings bis heute nicht kann, ist dieses Fast-vom-Stuhl-Fallen. Wahrscheinlich ist auch das der Grund dafür, dass es bei mir nicht so groovt wie bei Charlie Watts.

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