Jazz trifft Volksmusik «Für viele ist Volksmusik immer noch der Soundtrack der SVP»

Das Jazzfestival Schaffhausen gilt als jährliche Werkschau der Schweizer Jazzszene. Nebst Konzerten gibt es am Samstag aber auch Podiumsdiskussionen. Da wird unter anderem die Frage gestellt, weshalb die Schweizer Volksmusik den hiesigen Jazz kaum beeinflusst.

Ein Schwyzerörgeli. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Auf dem Schwyzerörgeli Jazz zu spielen ist aber ziemlich anspruchsvoll. Keystone

SRF: Ist es wahr, dass der Einfluss der Volksmusik auf den Jazz in der Schweiz vergleichsweise gering ist?

Dieter Ringli: Ja, ich glaube das kann man schon so sagen. Es gab Jahrzehnte lang kaum Austausch zwischen den beiden Szenen. Und wenn dann vielleicht, dass bei Volksmusikern der Oldtime Jazz populär war. Aber die zeitgenössischen Jazzströmungen, die wurden gar nicht zur Kenntnis genommen.
Und umgekehrt auch: die Jazzszene hatte lange keinen Kontakt zur Volksmusikszene.

Zusatzinhalt überspringen

Zur Person:

Zur Person:

Dr. Dieter Ringli ist Musikethnologe und Volksmusikspezialist. Er ist derzeit Dozent an der Zürcher Hochschule der Künste (Popästhetik, Musikethnologie, Forschungsmethodik) und Forschungsdozent an der Hochschule Luzern Musik.

Andere Volksmusik hat sich ja teils sehr stark mit dem Jazz vermischt: Aus dem Tango ist der Tango Nuevo entstanden. Aus der französischen Musette wurde die Musette Neuve etc. Wieso hat sich die Schweizer Volksmusik weniger mit dem Jazz vermischt?

Ich glaube es hat damit zu tun, dass die Schweizer Volksmusik seit ein paar Jahrzehnten nicht mehr diesen Underground Touch hat, den andere Volksmusiken stärker mitbringen.

Wenn ich beispielsweise an Tango denke: der kommt natürlich aus der Unterschicht. Das war bei unserer Volksmusik eigentlich auch mal so, aber das ist schon ziemlich lange verschwunden und sie ist im bürgerlichen Mittelstand angekommen.

«  Viele Schweizer Jazzer kennen die Volksmusik überhaupt nicht. »

Die Schweizer Jazzszene hat sich andersrum auch lange darauf beschränkt den US-amerikanischen Jazz zu kopieren und darum ist auch die Auseinandersetzung mit der eigenen Volksmusik nicht besonders vordringlich. Viele Schweizer Jazzer kennen die Volksmusik überhaupt nicht.

Wie sieht es in den anderen deutschsprachigen Ländern damit aus?

Deutschland hat sozusagen keine Volksmusik, mit Ausnahme von Bayern. Dort gibt es auch wenig Austausch. In Österreich schon eher, weil die Volksmusikszene offen und experimentierfreudig ist. Da gibt es schon mal Berührungspunkte.

Kann es auch an den Instrumenten liegen, weil die Zither, das Schwiizerörgeli oder das Alphorn weiter weg sind von den Jazzmusikern?

Es ist zwar möglich auf dem Schwyzerörgeli Jazz zu spielen, es ist aber ziemlich anspruchsvoll. Das Alphorn hingegen liegt beispielsweise den Trompetern relativ nah, weil man eine ähnliche Technik anwendet. Beispielsweise war Hans Kennel, der ursprünglich aus dem Jazz kommt, in den 1990er Jahren einer der Ersten, der angefangen hat neue Dinge mit dem Alphorn zu machen.

Sie haben es schon angetönt. Ist es wirklich so, dass hierzulande Volksmusik vor allem von konservativen Leuten beansprucht wird?

Heute kann man das nicht mehr so sagen. Aber das ist eine jüngere Erscheinung, vielleicht seit zehn bis fünfzehn Jahren, dass sich die Volksmusikszene zu öffnen beginnt. Und seither ist so ein Austausch auch eher möglich. Und auch umgekehrt, dass sich progressive Jazzmusiker wie ein Christoph Baumann mit Schweizer Volksmusik auseinandersetzen. Aber das sind relativ junge Phänomene.

«  Für die städtische Linke ist Volksmusik noch immer ein Tabuthema. Die identifizieren das noch immer mit dem Soundtrack der SVP. »

Könnte man aber allgemein sagen, dass die Jazzmusiker die Volksmusik deshalb nicht so sehr aufgreifen, weil in vielen Fällen ihre politische Gesinnung eine andere ist?

Ja, ich glaube das spielt für meine Generation (1968) eine grosse Rolle. Für die städtische Linke ist Volksmusik noch immer ein Tabuthema. Die identifizieren das noch immer mit dem Soundtrack der SVP – was schon längst nicht mehr so ist.

Das Gespräch führte Roman Hosek.

Sendung zu diesem Artikel