In «Heroïca» verwandeln sich junge Musiker in Performer

Kinder und Jugendliche sind nicht nur das Konzertpublikum von morgen. Sie sind es auch heute – und sie verlangen nach lebendigen Formen der Musikpräsentation. Dafür hat das Lucerne Festival neue Konzertideen für Kinder entwickelt. Das erste Resultat heisst «Heroïca».

Eine junge Frau mit einem Geigenbogen geht über die Bühne. Im Hintergrund ein junger Mann mit Schlagzeug. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Bei den Proben zu «Heroïca» wurde improvisiert, verworfen, gefunden, gelacht – und viel trainiert. Peter Fischli, Lucerne Festival, Young Performance Heroïca

Die ersten Versuche mit Kinderkonzerten am Lucerne Festival fanden irgendwo in Luzern statt. Aber sicher nicht im Kultur- und Kongresszentrum Luzern. Es machte beinahe den Anschein, als könne dadurch die heilige Ruhe der «wahren» Konzertrituale gestört werden.

Aber das war einmal. Mittlerweile ist die «Young Performance»-Reihe im KKL und somit auch im Herzen des Lucerne Festival angekommen.

Johannes Fuchs, der künstlerische Leiter und Initiator der Reihe hat dieses Jahr eine Viertelmillion Franken an Sponsorengeldern zusammengebracht, um die Produktion «Heroïca» zu finanzieren. Das ist kein kleiner Batzen. Und darum ging Fuchs es auch gleich richtig an.

Junge und internationale Talente

Er engagierte den Musik- und Theatermann, Regisseur und Künstler Dan Tanson aus Luxemburg, der seinerseits die Choreografin Laura van Hal aus den Niederlanden mitbrachte. Zu dritt organisierten sie ein Casting unter den jungen Musikerinnen und Musiker der Lucerne Academy.

Am Ende blieb ein kleines, handverlesenes Grüppchen von sieben Leuten aus fünf Ländern und drei Kontinenten: das Horn aus Australien, die Geige aus Italien, die Harfe ebenfalls, die Klarinette aus Frankreich, Posaune und Kontrabass aus den USA und die Perkussion aus Portugal.

Kevin, die Posaune, wollte einfach mal Spass haben, «tanzen und Posaune spielen». Während Estelle, die Harfenistin, dem klassischen Konzertritual – «wo man viel sitzt, besonders an der Harfe» – einmal etwas anderes entgegenstellen wollte.

Streit und erste Liebe

Junge Mädchen in bunten Kostümen verstecken sich hinter einer Harfe. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Plötzlich ist die Harfe Teil des Bühnenbildes: Musikerinnen der «Lucerne Academy» proben für das Stück. Peter Fischli, Lucerne Festival

Im Januar bereits begann das Abenteuer. Dan Tanson ging es vorsichtig an. Er hatte viel Erfahrung und viele Ideen, kam aber mit keinem fertigen Konzept angereist. «On commence à zéro», sagte er. Mit dem Zielpublikum der 9-Jährigen vor Augen, dachten sich er und die Gruppe gemeinsam Stichworte aus, die für dieses Alter interessant sein könnten.

Dan Tanson erzählt von verschiedenen Themen: «Buben gegen Mädchen, Streit bekommen, sich gegenseitig austricksen oder dem Andern eine Falle stellen. Aber auch erste Liebe gehört dazu, ‹wer ist der Chef› und ‹wir sind doch alle Helden›. Davon ist am Ende nur Batmans Mantel geblieben.»

Wahre Helden

Lauter Reibungsflächen dieser Art suchte man sich in einem ersten Arbeitsschritt. In einem zweiten dann experimentierte die Gruppe mit ihren Grenzen. Dan Tanson: «Kann eine Klarinettistin noch spielen, wenn sie wie ein Stück Holz herumgetragen wird? Oder: Was passiert mit einer Geigerin, wenn sie spielend auf den Rücken eines Perkussionisten steigt?» Wen wundert's, dass das Programm am Ende den Titel «Heroïca» bekam.

Heroica ist eine Geschichte, die am Ende ganz ohne Worte auskommt. Sie erzählt sich allein über die Musik. Die jungen Musikerinnen und Musiker konnten auch selber Solo-Stücke einbringen. Jede und jeder soll einen eigenen Moment haben und einmal allein im Scheinwerfer stehen, sagt Tanson dazu. Damit ist eine unglaublich vielfältige Musik-Palette zusammengekommen. Holst neben Mozart, Faureé und Bach neben Kurtag und Stockhausen. Dan Tansen erklärt: «Ob alt oder neu, von hüben oder drüben, das spielt den Kindern keine Rolle. ‹Achtung, neue Musik!› kennen sie nicht.»

Suchen, verwerfen, finden und lachen

Für Johannes Fuchs geht mit «Heroïca» ein Traum in Erfüllung. Seit vier Jahren, seit er in Luzern ist, hat er Musikerinnen und Musiker gesucht, die sich auf dieses Abenteuer einlassen könnten. In der Academy hat er sie nun gefunden.

Verteilt auf eine längere Zeitspanne hatten sie gemeinsam sechs Wochen probiert, gesucht, improvisiert, verworfen, gefunden, gelacht, dazu auch täglich trainiert. Sie lernten präzise Choreografien, übten und entspannten sich – um am Ende mit so etwas Unnützem aber Schönem auf der Bühne zu stehen. Und um, wie Fuchs es sagt, «mit Klarinettentönen Giftpfeile abzuschiessen».

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