Musik ist doch keine universelle Sprache

Ob Mozart, Taylor Swift oder Bob Dylan: Die Musik, die wir hören, bestimmt unseren Musikgeschmack. Eine Studie verglich unser Harmonie-Empfinden mit dem eines Regenwaldvolkes und bestätigt, was Musikethnologen schon länger vermuten: Vorliebe für Musikharmonien ist nicht angeboren.

Ein Mann spielt Klavier auf der  Chinesischen Mauer. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Wir finden schön, was wir kennen: Mit neuen Hörgewohnheiten wird mehr Musik noch schöner. Reuters

Es gibt Harmonien, die bringen uns ins Schwelgen. Andere klingen falsch, unharmonisch und lassen uns zusammenzucken. Bei einer universellen Sprache wie der Musik sollten dies alle gleich empfinden, würde man meinen. Weit gefehlt.

Ein Blick in die Abgeschiedenheit des bolivianischen Regenwald räumt mit dieser Vorstellung auf. Dort lebt das Tsimane-Volk, fernab westlicher Einflüsse. US-Forscher haben Mitgliedern dieses Volkes diverse Akkorde und Harmonien westlicher Musik vorgespielt.

Es zeigte sich: Die Regenwaldbewohner fanden Dissonanzen ebenso angenehm wie die harmonisch übereinstimmenden, sogenannten konsonanten Klänge. Sie nahmen zwischen den Klängen keine ästhetischen Unterschiede wahr.

Durch und durch konditioniert

Eine Vergleichsgruppe aus bolivianischen Stadtbewohnern, die schon gewisse Hörerfahrungen mit westlicher Musik hatten, bewerteten die Dissonanzen schon als etwas unangenehmer. Die dritte Testgruppe aus den USA bevorzugte harmonische Klänge am stärksten.

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Damit war für die Forscher der Fall klar: Eine Vorliebe für bestimmte Harmonien ist nicht angeboren, schreiben sie im Fachmagazin «Nature».

«Die beobachtete Variation in den Vorlieben ist wahrscheinlich dadurch bestimmt, welchen musikalischen Harmonien wir ausgesetzt sind. Sie legt nahe, dass die Kultur eine bestimmende Rolle dabei spielt, wie unser ästhetisches Ansprechen auf Musik geformt wird», schreiben die Forscher.

Nicht von Natur aus anstrengend

Es ist nicht die erste Studie zur Musikwahrnehmung. Das Thema gibt schon lange zu reden – und zu forschen.

Zum Ergebnis der aktuellen Studie meint SRF-Musikredaktor Moritz Weber: «So erstaunlich ist das nicht. Bei der Musik variieren die Geschmäcker eben, wie beim Essen auch.»

Die Harmonie-Empfindung der Menschen werde durch kulturelle Konditionierung entwickelt. «Noch im Mittelalter galt bei uns die Terz als dissonant», erzählt Weber. «Später wurde es das konsonante Intervall par excellence.»

Musik sei eben doch keine Universalsprache, die überall gleich empfunden und verstanden wird: «Wir finden dissonante Klänge nicht von Natur aus anstrengend.»

Den musikalischen Horizont erweitern

«Heute hören wir in westlich geprägten Ländern tagein, tagaus vor allem konsonante, tonale Musik», erklärt Weber. «Wenn wir weiterhin immer in Dur und Moll berieselt werden, dann werden wir uns in Zukunft vor allem auf tonale Musik versteifen.»

Wie können wir also unsere musikalische Wahrnehmung therapieren? Moritz Weber empfiehlt: «Mehr dissonante Musik hören. Ein Anfang wäre, ein paar Tage lang nur Musik von Helmut Lachenmann zu hören.»

Hör-Tipps

Sendung: Kultur aktuell, 14. Juli 2016, 8.20 Uhr