Neue Musik aus den USA mit einem alt Bundesrat und Velo

Die «Tage für Neue Musik Zürich» begannen mit Schiffssirenen am Zürichsee. Später trat in der Tonhalle ein alt Bundesrat mit Velo auf, und mehrere jüngere Komponisten aus den USA bemühten sich, mit ihrer Musik einen bleibenden Eindruck zu erzielen – einige mit, andere eher ohne Erfolg.

Auf der Bühne der Tonhalle steht Leuenberger vor dem Orchester an einem Notenständer. Vor ihm steht ein Velo. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Moritz Leuenberger bei seinem Auftritt in der Tonhalle: Die Komposition verlangte, dass er mit dem Velo erschien. SRF

«Focus USA» hiess das Motto der diesjährigen «Tage für Neue Musik Zürich»; das Kompakt-Festival wird alljährlich von der Stadt Zürich unter wechselnder künstlerischer Leitung ausgerichtet. Diesen November präsentierte der künstlerische Leiter Moritz Müllenbach ein halbes Dutzend Komponisten aus den USA, die meisten der jüngeren Generation angehörend.

Der «Urvater» hinterlässt den stärksten Eindruck

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«Tage für Neue Musik» im Radio

Radio SRF 2 Kultur strahlt an drei Abenden Konzerte der «Tage für Neue Musik» aus:

Den stärksten Eindruck hinterliess jedoch der älteste unter ihnen: Charles Ives, der «Urvater» der US-amerikanischen Musik, mit seiner 4. Sinfonie, die schon zu Beginn des letzten Jahrhunderts entstand. Für grosses Orchester, Fern-Ensemble und Chor ist sie komponiert, doch die Klänge sind meist delikat und nuanciert instrumentiert.

Nur gelegentlich, dann aber umso wirksamer, geht der Komponist ins Volle, lässt manchmal auch die Rhythmen und Metren gegeneinander ankämpfen. Da «kniete» sich Dirigent David Zinman dann mit schwungvollem Körpereinsatz in die Musik und liess sich bei den Gegenrhythmen und -metren von zwei Hilfsdirigenten unterstützen.

Leuenberger kommt mit dem Velo

Bei der «Musique pour les souper du Roi Ubu» von Bernd Alois Zimmermann trat David Zinman hingegen mit einem andern Assistenten auf: Hinter dem Dirigenten betrat alt Bundesrat Moritz Leuenberger mit einem Velo das Podium der Tonhalle; das Velo parkierte er gleich neben dem Dirigentenpult.

Kein medienwirksamer Einfall des alt Bundesrats, sondern des Komponisten: Zwischen den Sätzen seiner extensiven Klangcollage, die von Bach bis Stockhausen nichts auslässt, verlangt der Komponist aktuelle «Couplets», scherzhafte Strophengedichte, eines Conférenciers, der ausdrücklich mit Fahrrad auftreten soll. Was zur Entstehungszeit der «Musique» 1966 im gediegenen Ambiente des Konzertsaals gezielt provozieren sollte, sorgt heute eher für Belustigung. Biss hatten dagegen Moritz Leuenbergers «Couplets»: Bei den besten Texten hatte der Ex-Bundesrat beispielsweise nichts anderes zu tun, als ausführlich aus einer Bundesverordnung zu zitieren.

Junge Komponisten erklären ihre Arbeit

Neue Musik und alt-bundesrätliche Texte

1:58 min, aus Tagesschau vom 15.11.2013

Natürlich waren die Konzerte der «Tage» nicht durchwegs ein Gaudi dieser Art. Die meisten der jüngeren Komponisten und Komponistinnen nahmen sich und ihre Musik im Gegenteil sehr ernst.

Bei einem Konzertgespräch im Theater Rigiblick erklärten einige ausführlich, wie sie zu neuen Kompositionen gelangen, mit Weiterentwicklung früherer Aufnahmen, computerisierten Umwandlungsprozessen von Klängen im Raum und weitere ähnlichen «Live Processing Techniques». Das ist spannend, und manchmal entsteht dabei auch spannende Musik.

«Partial Knowledge»

Und dann jener Komponist, der wortreich erklärte, dass er ein Stück für Ensemble schreiben sollte und bei der Komposition feststellte, dass er gar nicht wusste, was er für Ensemble schreiben sollte. «Partial Knowledge» nannte er dann das Stück.

Und so hörte sich das Resultat dann auch an: wie das Stück eines Komponisten, der bei der Komposition eines Stücks für Ensemble feststellt, dass er gar nicht weiss, wie er ein Stück für Ensemble schreiben soll. Ärgerlich im Konzert – aber wer weiss, nachträglich vielleicht so witzig wie Bernd Alois Zimmermanns Collage?

Das Land der unbeschränkten Möglichkeiten

Die USA zeigten sich im Lauf der drei «Tage» immer deutlicher und nach wie vor als das Land der fast unbeschränkten Möglichkeiten: Da war die Popmusik, mit der der Schweiz-Amerikaner Virgil Moorefield seinen Film «Chakras Rising» live begleitete; die fein ausgehörte Musik von Gene Coleman zum Film «Spiral Network», pendelnd zwischen westlich-modernen und östlich-traditionellen Klängen; die zart oszillierende Klangfläche «Form III» von James Tenney; das unsichtbar schwingende Monochord, bald summend, bald singend, bald pulsierend, der Klanginstallation «Music on a Long Thin Wire» von Alvin Lucier. Und natürlich die röhrenden, heulenden, dröhnenden, krachenden Schiffssirenen der «Maritime Rites» von Alvin Curran, die das Festival akustisch weithin hörbar im unteren Seebecken eröffneten.

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