Wittener Musiktage Neue Musik ist «gar nicht so schlimm»

Die junge Komponisten-Generation kann wunderbar extrem sein – und die alte erst recht. Aber die Wittener Tage für neue Kammermusik haben gezeigt: Es gibt auch etwas in der Mitte, das sich hören lässt.

Ein Raum mit vielen Instrumenten. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Impressionen von den Wittener Tagen für neue Kammermusik 2016. wdr/langer

Das Wichtigste in Kürze

  • Die «Wittener Tage für neue Kammermusik» ist ein Musikfestival, das seit 1969 gemeinsam vom WDR und der Industriestadt Witten organisiert wird.
  • Das Festival präsentiert regelmässig Tendenzen der Gegenwartsmusik, es ist ein «Klassentreffen der Avantgarde» und eines der wichtigsten und vielfältigsten Foren für zeitgenössisches Komponieren.
  • 2017 wurde klar: Komponisten-Generationen haben trotz unterschiedlicher Blickrichtungen viel miteinander gemein. Und: die Neue Musik wird zugänglicher.

Seit bald 50 Jahren schon gibt es die «Wittener Tage für neue Kammermusik» im Ruhrgebiet zwischen Bochum und Dortmund. Das Gemeinschaftsprojekt des WDR und der Industriestadt Witten, der Wiege des deutschen Kohlebergbaus, seht seit über 25 Jahren unter der Federführung des umtriebigen Redaktors Harry Vogt.

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Wer begeistert ist, begeistert andere

Indem er konsequent ein altes Diktum von Thomas Mann umsetzt, ist es ihm auch in der diesjährigen Ausgabe gelungen, Interesse beim Publikum zu wecken: Denn wenn genügend eigene Begeisterung vorhanden ist, lassen sich auch andere in diese Begeisterung hineinziehen. Auch die ansässige Bevölkerung.

Dass in kleinen Performances auch der Schiffsmodellbauclub, Musikschulen und Männergesangsvereine ihre Auftritte haben, ist eine ebenso sympathische wie identifikationsstiftende Arbeit an etwas, was man Nachhaltigkeit nennen könnte.

Neue Musik ist «nicht so schlimm»

So haben sich denn auch hie und da neugierige Ortsansässige in die acht Konzerte gewagt – und sind, wie man in einigen Gesprächen erfahren konnte, durchaus belohnt worden: Von «man sollte sich immer wieder mal die Ohren durchputzen lassen» und «ist ja gar nicht so schlimm, die Musik» war da die Rede.

Und in der Tat: es war in zweierlei Hinsicht «nicht so schlimm»: Die junge Generation kann eine neue Musik zwischen den Genres schreiben, die an den Rändern ausfranst und Grenzen verwischt mit Clubmusik, Rock, Video, Performance, Installation und Elektronik sowieso.

Die älteren Generationen sind oft das Gegenteil: in ihrer weltabgewandten eigenen Vergangenheit erstarrt, intellektuell interessant, aber sinnlich schwierig erfahrbar, hermetisch und sperrig.

Klischees werden nicht bestätigt

Das Festival in Witten hat an diesem Wochenende gezeigt, dass es auch ein Dazwischen gibt: die Alten bewegen sich auf die Jungen zu und umgekehrt.

Schlagende Beispiele dafür sind Altmeister Brian Ferneyhough (77) oder Clara Iannotta (34). Ferneyhoughs «Umbrations» sind Reflexionen über englische Musik aus dem 16. Jahrhundert und damit so etwas wie ein doppelter Rückblick: auf die alte Renaissancemusik, die in Splittern, Fragmenten immer wieder aufblitzt.

Kompendium der Neuen Musik

Und zum anderen ist das, worin sie aufblitzt, ein Kompendium all der Techniken der Neuen Musik, die sich im 20. Jahrhundert entwickelt haben: Reihen, Spiegel oder Mikrointervalle. Bei Ferneyhough verbindet sich souveränes Handwerk mit einer beglückenden Ideenfülle.

Und die genuine Klangerfinderin Clara Iannotta? Ihre «Paw-marks in wet cement» sind langsame, leise Klangreisen durch Urwälder, Klopfgeräusche im Inneren des Klaviers, die sich elektronisch verstärken, verfremden, verbiegen.

Dann wieder weht ein Wind durchs ganze Ensemble – das Ganze mehr Zustand als motivisch-thematische Entwicklung, aber gemacht mit einer enormen technisch-kompositorischen Souveränität.

Jung und alt verbindet das Handwerk

Ein Fazit? Vielleicht dies: die Alten sind längst dem entwachsen, was man abwertend früher Richtlinienpädagogik nannte (so, genauso hat Neue Musik zu klingen, und sei es noch so sperrig und hermetisch).

Sie haben ein lang erprobtes, souveränes Handwerk, aber erfinden sich auf dieser Basis neu und entdecken auch den Klang, das Spielerische wieder. Und die Jungen, als digital natives ohnehin mit allen technischen Errungenschaften vertraut, verlieren sich nicht im Meer der Möglichkeiten, weil sie ein solides Handwerk entwickeln.

Die neue Neue Musik

Die Generationen haben somit trotz unterschiedlicher Blickrichtungen viel miteinander gemein. Und die Neue Musik wird zugänglicher. Sie verliert ihr grosses N, das alte, ehrfurchtgebietende, abgehobene N der Neuen Musik. Es mutiert zum kleinen n. Einfach: neue Musik. Es ist alles im Fluss und miteinander verzahnt, virtuos, angstfrei und lustvoll.

Sendung: SRF 2 Kultur, 8.5.2017, Kultur kompakt, 8:20 Uhr.