Der Opernführer Drei Dinge über «Carmen», die Sie noch nicht wussten

Fast peinlich: Georges Bizet hat seinen grössten Hit nicht alleine geschrieben. Von der Operndirektion über die Sänger bis zum Publikum: Alle hatten bei «Carmen» ein Wörtchen mitzureden.

Illustration: mehrere Personen schreiben auf der Partitur zu «Carmen». Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: «Carmen» ist einzigartig – aber alles andere als das Werk eines Einzelnen. SRF/Patrice Gerber

    • 1.
      Der Opernhit «Habanera» – ein Plagiat?

      Carmens berühmte Habanera ist bei weitem nicht nur das Ergebnis eines inspiratorischen Höhenflugs von Georges Bizet. Der französische Komponist hat ausgerechnet für diese Erfolgsarie vieles bei einem Kollegen abgekupfert: beim Spanier Sebastián Iradier. Bizet hielt dessen Habanera «El arreglito» («Die Verschönerung») für ein spanisches Volkslied und bediente sich musikalisch ziemlich ungeniert daran. Ausser dem typischen Habanera-Rhythmus ähneln sich auch die Melodien und die Form der beiden Stücke stark: So folgt etwa in beiden auf den Moll-Teil ein Dur-Teil. Iradier holte sich seine Lorbeeren und seinen Weltruhm dafür mit einem anderen seiner Lieder ab – mit «La paloma».

    • 2.
      Alle hatten was zu nörgeln
      Prosper Merimée. Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Prosper Merimées Vorlage war zu anstössig für das noble Opernpublikum. Imago/Leemage

      Nicht nur die allererste Interpretin der Carmen hatte etwas an der Partitur auszusetzen, auch andere Beteiligte nörgelten: Die Orchestermusiker fanden ihre Parts zu anspruchsvoll und wollten einfachere Stimmen. Auch der Chor protestierte, und so arbeitete Bizet sein Werk noch während der letzten Proben um und strich insgesamt mehrere hundert Takte. Für Micaëla musste kurz vor der Uraufführung noch eine Arie her – da übernahm Bizet einfach eine aus einer seiner unvollendeten Opern. Allem voran aber war die Original-Carmen aus Prosper Mérimées Novelle für die Operndirektion viel zu brutal. Die Librettisten mussten beispielsweise Carmens Mord an einer Arbeitskollegin zu einer Messerattacke abschwächen. Komponierende von heute liessen sich wohl kaum derart in ihr Werk reinreden.

    • 3.
      Harziger Auftakt
      Ein belgischer Don José-Darsteller, anfangs des 20 Jahrhunderts. Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Solche unflätigen Haudegen irritierten: Ein belgischer Don-José-Darsteller, anfangs des 20 Jahrhunderts. Imago/United Archive International

      Die Uraufführung der Oper «Carmen» im Jahr 1875 kam nicht besonders gut an. Der brutale Mord zum Schluss, die zwielichtigen, ruchlosen Gestalten auf der Bühne und die realitätsnahe Handlung im rauen Milieu waren wohl zu viel für das noble Pariser Publikum. Es hatte schliesslich eine heitere «Opéra comique» erwartet. Ausserdem wich Bizet neben den thematischen auch noch von den strengen formalen Vorgaben der «Opéra comique» ab: Er komponierte keine strenge Abfolge von Arien und gesprochenen Zwischentexten, sondern schrieb für den dritten und besonders den vierten Akt zusammenhängendere Musikpassagen. Den internationalen Durchbruch schaffte Bizets Oper erst nach einer Neuproduktion mit auskomponierten Rezitativen in Wien. Der Komponist konnte diesen Erfolg und den Aufstieg seiner «Carmen» in die Top Ten der beliebtesten Opern aber leider nicht mehr geniessen. Er starb 36-jährig, kurz nach der Uraufführung, an einem Herzleiden.

«Carmen» von Georges Bizet kurz erklärt

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Opernführer zu «Carmen» von Georges Bizet

5:39 min, vom 18.11.2016