«Seismographic Sounds»: audiovisuelle Visionen einer neuen Welt

Eine Ausstellung in Aarau präsentiert Musik-Videos aus aller Welt. Sie werfen einen gnadenlosen Blick auf ihr Herkunftsland. Kein üblicher Popstar-Einheitsbrei – sondern Musik, so bunt wie die Bilderwelt, die sie begleitet. Wir zeigen fünf Videos, die besonders hervorstechen.

Eine Frau mit einem Schild mit der Grossbritannien-Flagge draus. Neben ihr ein Tiger. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Still aus dem Video der indisch-stämmigen Sängerin Bishi. Bishi

«Was möchtest du hören, Süsser? Dass ich dich liebe? Du weisst genau, dass das nicht stimmt.»

Die nigerianische Sängerin Temi DollFace nimmt kein Blatt vor den Mund in ihrem «Pata-Pata»-Song: Mit dem «Pata-Pata»-Drink spricht sie die Wahrheit, wäscht sich mit dem «Pata-Pata»-Shampoo den Mann aus den Haaren und mit anderen, liebevoll im 50er-Jahre-Stil aufgemachten «Pata-Pata»-Produkten wird sie den Mann ganz los – und fährt aus der Beziehung davon.

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Ausstellungshinweis

Die Ausstellung «Seismographic Sounds» ist noch bis zum 20. September im Forum Schlossplatz Aarau zu sehen. Danach geht sie auf Wanderschaft: Die nächsten Stationen sind Karslruhe (1.10.–29.12.15), Solothurn (10.12.15–10.01.16) und Berlin (29.01.16–28.02.16).

Frauenpower in Nigeria

Etwas weniger bunt und böse, aber nicht weniger schwungvoll ist der dazugehörige Podcast von Temi DollFace. Darin erzählt sie, wie wichtig ihr Mutter und Grossmutter sind. Von ihrem Mut, für die Rechte der Frau einzustehen, bis zu den Kleidern im Video: Alles verdankt sie diesen beiden Frauen.

Frauenpower in Nigeria? Ist das nicht das Land, das nach der Unabhängigkeit von Grossbritannien fast 30 Jahre vom Militär regiert wurde? Und wo die radikalislamische Sekte Boko Haram Terror ausübt und Angst und Schrecken verbreitet?

Der andere Blick

Auch, aber eben nicht nur: Das «Pata-Pata»-Video erlaubt uns einen unerwartet anderen Blick auf Nigeria. Und um genau diesen anderen Blick geht es in der Ausstellung «Seismographic Sounds.»

Die Ausstellung zeigt 26 Videos aus der ganzen Welt, von Bolivien und Brasilien über Finnland und Serbien bis Nigeria, Ghana oder Pakistan. Die Musik ist so bunt wie die Bilderwelt und reicht von Klangkunst über Neue Volksmusik bis Reggeaton und Hip-Hop. In kleinen Videokabinen können die Besucher eintauchen in komplett verschiedene Welten. Oder sich auf ein Polster fläzen und mit Kopfhörern ausgerüstet einzelne Podcasts abrufen. Podcasts, die von der Entstehung der Videos und von den zum Teil prekären Arbeitsbedingungen der einzelnen Künstler berichten.

Ein Gespür für feine Erschütterungen

Einheitsbrei und reine Selbstdarstellung im Internet, wie wir sie von weltbekannten Popstars kennen? In der Ausstellung «Seismographic Sounds» ist davon keine Spur. Diese Musik-Videos und Podcasts sind nicht Selbstzweck, sondern eben wirklich Seismographen, die feinste Erschütterungen aufzeigen. Und die – mit Text und Bild – einen oft gnadenlos genauen Blick werfen auf ihr jeweiliges Land.

    • 1.
      Temi DollFace, Nigeria: «Pata-Pata»
      Eine Frau in Hausfrauen-Kleidung schüttet Cornflakes in eine Schüssel. Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Still aus dem Video «Pata-Pata» (2013) von Temi DollFace, Nigeria. YouTube/TemiDollFace

      In «Pata-Pata» stellt Temi DollFace die Idee der Haushaltshilfen der amerikanischen 50er-Jahre auf den Kopf: Es geht nicht mehr darum, der Hausfrau den Haushalt zu erleichtern, damit sie mehr Zeit hat, sich hübsch zu machen für den Ehemann. Die «Pata-Pata»-Produkte dienen dazu, den Mann endlich loszuwerden …

    • 2.
      Stromae, Belgien: «Formidable»
      Ein Mann sitzt am Strassenrand, es regnet. Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Still aus dem Video «Formidable» (2013) von Stromae, Belgien. YouTube/Dapastudio

      Ein Geniestreich des belgischen Elektropop-Sängers Stromae: Er spielt den betrunkenen Star, der seinen eigenen Hit an einer belebten Kreuzung in Brüssel lallt – und die Reaktionen der Leute (von angewidert bis mitleidig) und der Polizei (wohlwollend) mit versteckter Kamera filmen lässt.

    • 3.
      Bishi & Matt Hardern, England: «Albion Voice»
      Eine Frau in heroischer Montur und einem Tiger zu ihren Füssen blickt in die Kamera. Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Still aus dem Video «Albion Voice» (2012) von Bishi & Matt Hardern, England. YouTube/BishiTV

      Die indisch-stämmige Sängerin Bishi singt ein traditionelles englisches Lied, im indisch inspirierten Britannia-Kostüm, vor den weissen Klippen Dovers. So wirken die Symbole der englischen Herrschaft plötzlich exotisch, und das Epizentrum des eurozentristischen Blicks auf die Welt beginnt zu tanzen.

    • 4.
      FOKN Bois, Ghana: «BRKN LNGWJZ»
      Zwei dunkelhäutige Männer mit Rastas und bunten Tüchern umgeschlungen laufen lachend durch eine belebte Strasse. Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Still aus dem Video «BRKN LNGWGS» (2011) der FOKN Bois, Ghana. YouTube/Fokn Bois

      Zwei ghanaische Rapper reimen sich durch Accra, die ghanaische Hauptstadt, und nehmen in schnellen Schnitten Dutzende Identitäten an: in traditioneller Stammeskleidung, in Anzügen windiger Geschäftsleute, in Unterhosen. Der Taumel durch die Identitäten ist die Suche danach.

    • 5.
      Gato Diablo, Bolivien: «Nunca tendremos mar»
      Ein schwarz-weisses Foto zeigt die Animation eines grossen Monsters. Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Still aus dem Video «Nunca Tendremos Mar» (2012) von Gato Diablo, Bolivien. YouTube/Bernardo Rojas

      Hier trifft Punk-Attitüde auf uralte Schwarz-Weiss-Filme. Ein Hollywood-Monster steigt aus dem Meer und attackiert bolivianische Ureinwohner. Die Dramatik wirkt unfreiwillig komisch, und so macht sich Gato Diablo lustig über das bolivianische National-Trauma: den verlorenen Zugang zum Meer.

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