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Sofia Gubaidulina im Porträt schwarzweiss.
Legende: Dunkel, schwer und melancholisch. Das zeichnet Sofia Gubaidulinas Musik aus, beschreibt aber auch eine Phase ihres Lebens. Getty Images
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Musik Spiritualität als roter Faden – in der Musik wie im Leben

Sofia Gubaidulina schreibt eine dunkle Musik, die getränkt ist von Spiritualität. Klänge mit grosser Sogkraft, die in der Sowjetunion nicht erwünscht waren. An diese Zeiten hat die heute 85-Jährige wenig gute Erinnerungen: «Es war wirklich sehr schwierig, zu überleben.» Aber sie fand Hilfe.

Durchsichtig vor Hunger und Erschöpfung sei sie gewesen, sagte ein Freund über sie, damals in der Sowjetunion. Keine Aufträge, keine Aufführungen, keine Zukunft als Künstlerin. Aber aufgegeben hat sie nicht. Niemals. Dann, plötzlich, schien sich alles zum Guten zu wenden.

Der Zauber des Anfangs

Mit «Glasnost» und «Perestroika» versuchte Michail Gorbatschow Mitte der 80er-Jahre, den Staat in eine positive Zukunft zu führen. Doch es sollte sich als Trugschluss erweisen: Anfang der 90er-Jahre war es vorbei mit der Offenheit, die wirtschaftliche Not wuchs, die Repressalien nahmen wieder zu. Und jetzt war auch für sie das Mass voll. Sofia Gubaidulina beschloss, ihr geliebtes Russland zu verlassen.

In der Nähe von Hamburg fand sie eine zweite Heimat. Seitdem lebt sie dort und komponiert unermüdlich weiter, auch heute noch. Mit 85 Jahren. Es sei sowieso das Schönste, sagt sie, immer wieder anfangen zu können. «Das ist der glücklichste Moment meines Lebens. Voller Inspiration und voll Begeisterung.»

Musik für die Schublade

Diese Begeisterung hat ihr geholfen, durchzuhalten. In der Sowjetunion warf ihr die Führung vor, nicht fröhlich genug, nicht einfach genug, nicht volksnah genug zu schreiben. Nicht genug «sozialistisch realistisch». Aber das wollte sie nicht, konnte sie nicht. Keine pathetischen Hymnen komponiert sie, keine volkstauglichen Lieder. Das bedeutete: immer wieder neue Verbote, Auflagen, vernichtende Kritiken.

Trotzdem komponierte sie wie der Teufel. Aber umsonst. Für die Schublade. Niemand bekam ihre Musik zu hören. Mit Filmmusik hielt sie sich über Wasser. «Es war wirklich sehr schwierig, zu überleben in dieser Situation. Manchmal bin ich fast verzweifelt.»

Das Ziel der Kunst?

Aber Aufgeben kam nicht in Frage. Denn zwei Dinge gaben ihr Kraft: der Rat ihres Vorbildes und alten Komponistenkollegen Dmitri Schostakowitsch, der ihr einst sagte: «Sie dürfen keine Angst haben, Sie selber zu sein.» Und zweitens ihre Religiosität, die sich gerade wegen der staatlichen Repression erheblich verstärkte. Und die sich dann mit der Zeit wandelte, von einem traditionellen Katholizismus hin zu einer starken Spiritualität jenseits der Religionen.

Die Spiritualität ist der rote Faden durch Sofia Gubaidulinas Werk. Sie versteht Musik als Gegengewicht zur alltäglichen Welt und zeigt das auch nach aussen, mit Werktiteln wie «De Profundis clamavi» (aus der Tiefe schreie ich zu Dir) oder «Introitus» oder «Offertorium» (Opfergabe).

Melancholie für den Westen

Eine dunkle, schwere, melancholische, auch langsame Musik ist Gubaidulinas Markenzeichen. Eine Musik mit grosser Sogkraft. Nachdem sie ihre Heimat verlassen hat und die Menschen im Westen ihre Musik kennenlernen, sind viele sofort gefangen von diesen Klängen, die leise daherkommen, aber ungeahnt intensiv, drängend, ungeschützt sind. Eine sakrale Musik, die trotz der christlichen Titel auch ein Publikum erreicht, das sich berühren lassen will.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Musik unserer Zeit, 16.11.2016, 20:00 Uhr

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