«Sugar Man» Sixto Rodrigez wird in Montreux gefeiert

Sixto Rodriguez ist der vergessene Star der 70er-Jahre. Ohne es zu wissen wurde er im Südafrika der Apartheid zum Superstar – und hat dort mehr Alben verkauft als Elvis Presley. Gestern trat er am Montreux Jazz Festival auf.

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Sixto Rodriguez in Montreux

2:02 min, aus Tagesschau am Mittag vom 5.7.2013

Selbst wenn er den Mund nicht aufgemacht hätte, sie hätten ihn gefeiert, seine Fans. Das Montreux Jazz Lab war bis auf den letzten Platz besetzt, um ihn zu sehen. Ihn, den tragischen, vergessenen Star, Sixto «Sugar Man» Rodriguez. Der geniale Musiker, der berühmt war – und nichts davon wusste.
Wahrscheinlich war er seiner Zeit voraus. Seine Songs über Dealer und Süchtige, über zerplatzte Träume und begrabene Hoffnungen hatten Hit-Potenzial. Sixto Diaz Rodriguez, ein Dylan, der singen kann. Doch 1970 wollte niemand sein erstes Album «Cold Fact» kaufen, niemand seine einfallsreich instrumentalisierten Songs hören. Sixto Diaz Rodriguez, Sohn mexikanischer Einwanderer in Detroit, tingelte von Bar zu Bar. Auch «Coming from Reality», sein zweites, in England aufgenommenes Album floppte. Hin und wieder gab er noch ein Konzert. Dann verschwand Sixto Rodriguez in der Versenkung.

Soundtrack einer Generation

Wie Rodriguez' Alben nach Südafrika gelangten, ist bis heute unklar. Klar ist aber, dass sie die südafrikanische Jugend begeisterten. «Sugar Man», der Song über den Dealer im Armenviertel von Detroit, der als einziger Licht und Farbe ins Leben bringt. «I wonder» über Sex und Einsamkeit, Protestsongs gegen das Establishment – sie wurden die Hymnen der Anti-Apartheid-Bewegung. 500'000 Alben verkaufte Rodriguez in Südafrika, soviel wie Elvis Presley. Eine Generation wuchs mit seiner Musik auf.

Totgesagte leben länger

Über Rodriguez selbst gab es in Südafrika wenige Fakten. Bereits in den 70er-Jahren ging das Gerücht um, Sixto Rodriguez sei tot. Habe sich umgebracht, auf der Bühne, vor Publikum. Bis zwei Fans diese Selbstmord-Theorien anzweifelten und hartnäckig zu recherchieren begannen. Dank einer Songzeile und vielen kleinen Puzzleteilchen gelang es schliesslich, den «Sugar Man» aufzustöbern. Der quicklebendig immer noch in Detroit lebt, sich als Bauarbeiter durchgeschlagen hat und ein bescheidenes Leben lebt. Erst der Dokumentarfilm von Malik Bendjelloul über diese abenteuerliche, fantastische Suche, «Searching for Sugar Man», entriss Rodriguez letztes Jahr der Vergessenheit. Und katapultierte den Musiker zurück auf die Bühne, und nach Montreux.

Eine Messe im Jazz Lab

Nach eher zweifelhaften Auftritten in Paris präsentierte sich der 70Jährige gestern abend im bis auf den letzten Platz besetzten Montreux Jazz Lab fit und gutgelaunt dem Publikum. Seine tiefgründigen Songs sind wahre «Kleinode in einer Zeitkapsel», wie es ein Journalist formulierte. Von seiner Begleitband behutsam durchs Set geführt, verstand es Rodriguez, seine Fans zu berühren.

Sein Auftritt war geprägt von der ihm eigenen Bescheidenheit, seiner Intensität und seiner leisen Selbstironie. Beispielsweise freut er sich über den Orden, den ihm Frankreich zu verleihen gedenkt. Um dann launig anzumerken: «Thank you, but I'd like to be treated as an ordinary legend.» Er möchte doch bitte wie eine ganz normale Legende behandelt werden.